Ärzte Zeitung, 02.06.2006

PATIENTEN-AUFKLÄRUNG

Ein behutsames Gespräch - das ist nach der Krebsdiagnose wichtig

Die Begleitung von Patienten, die eine fortgeschrittene Tumorerkrankung haben, gehört zu den schwierigsten ärztlichen Aufgaben. Und ist doch Alltag in der Praxis. Wie klärt man Betroffene auf? Soll man ihnen überhaupt die ganze Wahrheit sagen, zum Beispiel, wie schlecht die Prognose beim metastasierten malignen Melanom ist?

Frauenärztin im Gespräch mit einer Patientin. Auch über die Prognose bei Krebs sollte man offen reden. Foto: klaro

Der Dermatologe Professor Matthias Volkenandt von der Ludwig-Maximilians-Universität in München ist fest davon überzeugt, daß "ein wahrheitsgemäßes Sprechen über die schwere Krankheit" den Betroffenen die Möglichkeit gibt, ihr Lebenskonzept zu ändern, zum Beispiel eine gestörte Beziehung zu einem Verwandten wieder ins reine zu bringen.

   
Professor Matthias Volkenandt: Man kann Krebspatienten oft unnötige Ängste nehmen, zum Beispiel die vor unbeherrschbaren Schmerzen. Foto: privat  
 

Was Volkenandt mit "wahrheitsgmäßem Sprechen" meint, erläutert er in seinem Vortrag, der zum Nachdenken anregt. Und der auch dazu anregt, die Gesprächsführung mit Patienten zu überdenken, denen man die Diagnose fortgeschrittener bösartiger Tumor mitteilen muß.

Patienten die Diagnose vorenthalten zu wollen, ist sinnlos. Denn Betroffene erfahren ohnehin, wie krank sie sind. Zum Beispiel dadurch, daß viele Untersuchungen gemacht werden und daß sie zu einigen Konsiliarärzten müssen.

Vielleicht können Patienten unbeabsichtigt einen Blick in ärztliche Unterlagen werfen, oder ein untersuchender Arzt nennt die Diagnose in dem Glauben, der Betroffene wüßte Bescheid. Zerbricht dann das Netz aus Lügen, Halbwahrheiten und Beschwichtigungen, zerbricht auch das Vertrauensverhältnis zum Arzt.

Wahrheitsgemäße Aufklärung heißt nicht, Patienten einfach mit den Fakten zu konfrontieren. Man kann das Gespräch vorsichtig beginnen: "Die Krankheit, die Sie haben, ist doch ernster, als wir bisher geglaubt haben." Und dann sollte man dem Patienten Zeit lassen, zu reagieren, Fragen zu stellen.

Ein Arzt besucht eine alte Frau zu Hause. Solche Besuche sind bei schwerer Krankheit besonders wichtig. Foto: klaro

In behutsam geführten Gesprächen erfährt man auch, wieviel Aufklärung ein Patient wirklich wünscht. Zum Beispiel, wenn jemand nach der Prognose seiner Tumorerkrankung fragt.

Volkenandt empfiehlt dann, mit Formulierungen zu beginnen wie: "Den Verlauf der Krankheit speziell bei Ihnen kann niemand kennen. Wir haben zwar Daten zu größeren Patientengruppen. Aber wie es bei Ihnen sein wird, können wir nicht genau sagen. Individuelle Faktoren sind hier entscheidend." Wenn Betroffene dann genauere Zahlen wissen wollen, sollte man ihnen die nicht vorenthalten. (gwa)

Den zertifizierten Vortrag finden Sie nach Anmeldung bei www.qaef-akademie.de unter "Einzelvorträge" - "Medizinische Themen" - "Patientenaufklärung" .

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