Ärzte Zeitung, 30.08.2006

Chemotaxis hilft offenbar Krebszellen bei der Metastasierung

Epidermaler Wachstumsfaktor (EGF) fördert nicht nur Tumorwachstum, sondern auch Zellwanderung / Versuche mit Rezeptorblockern

TITISEE (kat). Wissenschaftler, die die Chemotaxis erforschen, haben festgestellt, daß der Rezeptor für den epidermalen Wachstumsfaktor EGF nicht nur am Zellwachstum, sondern auch an der Zell-Wanderung und -Adhäsion beteiligt ist. Damit wird durch ihn auch die Metastasierung bei Krebs erleichtert.

Chemotaxis heißt die Eigenschaft freibeweglicher Organismen - nicht nur von Bakterien, sondern auch von Körperzellen wie Leukozyten - auf chemische Stoffe oder deren Konzentrationsunterschiede durch eine gerichtete Bewegung darauf zu oder davon weg zu reagieren. Der Grund für die Forscher, bei EGF-Rezeptoren und deren Funktion etwas genauer hinzuschauen, war, daß die Wirksamkeit der EGF-Rezeptor-Blocker, die bei Krebspatienten genutzt werden, geringer ist als erhofft.

So sprachen in Studien nur etwa zehn Prozent der Lungenkrebspatienten, die übermäßig den EGF-Rezeptor synthetisieren, auf eine Therapie an: Nur etwa jeder zehnte Tumor schrumpfte, wie Professor Jeffrey Segall vom Albert Einstein College of Medicine in New York berichtet hat.

    Wirkung von Krebsmitteln ist geringer als erwartet.
   

Auch Brustkrebspatientinnen, die den HER-2-Rezeptor übermäßig synthetisieren und eine schlechtere Prognose haben, sprachen in Studien deutlich seltener auf den Hemmstoff Herceptin an, als erwartet. Das hat Segall bei der Pressekonferenz zur diesjährigen Titisee-Konferenz des Boehringer Ingelheim Fonds in Titisee-Neustadt gesagt.

Daher ist in den meisten Fällen eine Kombinationstherapie indiziert. Anhand von Mutationen im EGF-Rezeptor lassen sich inzwischen 50 Prozent der Hemmstoff-sensitiven Tumoren identifizieren - und damit jene Patienten, für die diese Therapie sinnvoll ist.

Eine mögliche Ursache für die geringe Wirksamkeit könnte sein, daß nicht nur das Tumorwachstum durch EGF verstärkt wird, sondern auch die chemotaktisch bedingte Zellwanderung. Das führt unabhängig vom Tumorwachstum dann dazu, daß Krebszellen leichter in Blutgefäße übertreten können und dadurch die Absiedlung von Metastasen im Körper begünstigt wird. Am Ende der durch Bindung an den EGF-Rezeptor ausgelösten Signalkaskade kommt es in der Zelle zur Polymerisation von Aktin und damit zu Veränderungen im Zellskelett, die die Metastasierung der Krebszellen begünstigen.

Wie aktuelle Untersuchungen ergeben haben, läßt sich die EGF-Rezeptor-vermittelte Chemotaxis und damit die Metastasierung schon durch niedrige Konzentrationen von Rezeptorblockern hemmen. Für hemmende Effekte auf das Tumorwachstum sind dagegen deutlich höhere Konzentrationen erforderlich.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »