Ärzte Zeitung, 15.06.2007

Ein Himmel in Blau gegen die Krankheit

 Offenes Atelier für Menschen mit Krebs in München / Therapieprojekt soll Patienten wieder neuen Mut geben

MÜNCHEN. Das "offene Atelier für Menschen mit Krebs" in München ist bundesweit wohl einmalig. Zweimal in der Woche ist es für Krebskranke und ehemalige Patienten jeweils vier Stunden geöffnet. Hier können sie unter Anleitung einer erfahrenen Kunsttherapeutin malen, zeichnen oder töpfern.

Von Ursula Armstrong

Das Besondere: Die Teilnahme ist kostenfrei. Das Atelier wird über Spenden finanziert, zum größten Teil von der Bayerischen Krebsgesellschaft e.V., und als Kooperationsprojekt gemeinsam mit dem Verein lebensmut e.V. und der Medizinischen Klinik III am Klinikum der Universität München-Großhadern geleitet. Kunsttherapie gibt es natürlich auch in anderen deutschen Städten, auch Angebote für ambulante Patienten. "Doch kostenfrei gibt es solche Angebote sonst nicht", sagt die Kunsttherapeutin Alexandra Hopf.

Malen, um die Krankheit besser zu verarbeiten

Das Atelier für Menschen mit Krebs ist in einem Werkstattraum einer alten Villa. "Es ist ein wunderschöner Raum", so Hopf im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Ein richtiges Atelier mit einem riesigen Garten. Im Sommer wird immer im Garten gearbeitet." Das Projekt besteht seit Oktober 2003. Ziel ist, Menschen bei der Verarbeitung einer Krebserkrankung durch eigenes gestalterisches Tun zu unterstützen.

Die meisten Teilnehmer des Ateliers sind Frauen

Krebskranke und ehemalige Krebspatienten können auch Angehörige mitbringen. Viele Teilnehmer kennen die Kunsttherapie aus der onkologischen Klinik. Doch Erfahrung mit künstlerischer Arbeit ist nicht nötig. Mittlerweile gibt es einen festen Stamm an Teilnehmern, erzählt die Kunsttherapeutin. Die Zahl schwankt zwischen vier und zehn pro Termin. Die meisten Teilnehmer sind Frauen.

Im offenen Atelier wird das Material zur Verfügung gestellt. Dann kann jeder malen, was er möchte. Hopf gibt aber auch Themen vor. Zum Beispiel: "Stellen Sie sich vor, Sie liegen auf einer Wiese auf dem Rücken. Sie blicken nach oben. Über Ihnen ist der Himmel sichtbar. Ist es ein Nachthimmel, ein Gewitterhimmel oder ein strahlend-blauer Sommerhimmel? Es darf auch ein Himmel der Fantasie sein, der alle Farben zeigt! Wie sieht er aus?"

Das Besondere an diesem Thema, das vor allem Neuankömmlingen gestellt wird: Es ist konkret, läßt aber viel Freiheit. Genügend Freiheit, dass die Malenden sich entwickeln können. Und das ist das Wesentliche an der Kunsttherapie, so wie Hopf sie versteht.

Das Himmelsthema hatte die Kunsttherapeutin auch für eine Ausstellung auf dem Internistenkongress im April in Wiesbaden ausgewählt (wir berichteten). 13 Frauen haben für die Schau 19 großformatige Bilder gemalt, zehn Werke wurden gezeigt. Sie muteten unterschiedlich an -dunkel, bedrohlich, bewegt, tröstlich, friedlich. Viele Betrachter waren nicht nur von der Ausdrucksstärke der Bilder fasziniert. Viele empfanden die Bilder als bewegend, als echte Kunst.

Doch die Teilnehmer des offenen Ateliers haben nicht den Anspruch, Künstler zu sein. Ihnen geht es darum, Dinge, die sie nicht aussprechen können, bildlich auszudrücken und sich mit der bedrohlichen Krankheit auseinanderzusetzen. "Die Wirkung des Malens im offenen Atelier für Menschen mit Krebs kann ich als beruhigend und total entspannend beschreiben. Ich finde wieder Kraft", schreibt etwa eine Brustkrebs-Patientin im Text zu ihrem Bild.

Eine andere Kranke bringt es auf den Punkt: "Das Malen im offenen Atelier ist ein Akt der Kreativität. Ich kann dort etwas tun, das ich mich zuvor nie getraut habe. Ich kann meine Kräfte sammeln und bekomme Mut und Vertrauen. Ich kann etwas rauslassen. Mit der Kraft der Farben kann ich meine Gefühle ausdrücken."

Informationen über das Atelier gibt es beim Verein lebensmut e.V.: www.lebensmut.org, unter dem Punkt "Fördern".

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