Ärzte Zeitung, 08.10.2007

HINTERGRUND

Überlebenschancen nach Krebs lassen sich genauer abschätzen - und in Deutschland noch steigern

Von Nicola Siegmund-Schultze

Wie groß ist die Chance für einen Krebskranken, die Diagnose fünf oder zehn Jahre zu überleben? Das ist nicht nur eine Frage, die viele Patienten oder deren Angehörige den Kollegen in Praxis oder Klinik stellen. Es ist auch eine Frage nach der Qualität der nationalen Gesundheitsversorgungssysteme, wenn die Daten internationaler Krebsregister einen Ländervergleich möglich machen.

In der Eurocare-4-Studie werden Überlebensraten von Patienten aus Europa und den USA miteinander verglichen, und zwar ab einem Diagnosezeitraum von 1995. In "The Lancet Oncology" (8, 2007, 773 und 784) haben Epidemiologen die Daten in zwei Publikationen aufbereitet: Die Studie unter Federführung von Dr. Franco Berrino aus Mailand umfasst Diagnosen zwischen 1995 und 1999. Die zweite Publikation enthält Daten des Diagnosezeitraums zwischen 2000 und 2002.

Genaueres Bild der Fortschritte durch neue Auswerteverfahren

Die neue Periodenanalyse gibt den aktuellen Stand der Versorgung von Krebspatienten besser wieder als frühere Analyseformen. "Mit dem traditionellen Verfahren, der Kohortenanalyse, hinkt man den Fortschritten in der Onkologie um fünf bis zehn Jahre hinterher", erläutert Professor Hermann Brenner, Leiter der Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Brenner und seine Mitarbeiter gehen bei der neuen Methode, der so genannten Periodenanalyse, in möglichst kleinen Schritten zurück in die Vergangenheit und liefern so die aktuellen Zahlen.

Eine Periodenanalyse des Saarländischen Krebsregisters - Basis für die deutschen Daten in der Eurocare-Studie - hatte ergeben, dass die Schätzungen der Überlebenschancen nach der Diagnose Krebs mit bisherigen Methoden etwas zu pessimistisch waren: Die altersadjustierten Fünf-Jahres-Überlebensraten von Patienten, bei denen um das Jahr 2000 Krebs festgestellt worden war, liegen bei 55 Prozent und damit um acht Prozentpunkte höher, als früher angenommen. Die Periodenanalyse erlaubt auch einen Blick in die Zukunft: Um vier Prozent zunehmen dürften die Fünf-Jahres-Überlebensraten bei bundesdeutschen Patienten mit Malignom-Diagnosen in den Jahren 2004 bis 2008 im Vergleich zu einer Diagnose fünf Jahre zuvor, vermutet Brenner.

US-Daten kommen aus 13 Krebsregistern

Insgesamt 93 Krebsregister lieferten die Daten für die Eurocare-4-Studie. Für 47 Register liegen Daten mit Diagnosen zwischen den Jahren 2000 und 2002 vor. Deren Auswertung hat ergeben: Mit Fünf-Jahres-Überlebensraten von 50 Prozent für Männer und 58,8 Prozent für Frauen - jeweils altersadjustiert - liegt Deutschland im Mittelfeld der mitteleuropäischen Länder. Die Niederlande erreichen etwas schlechtere Werte (etwa 47 und 58 Prozent), Österreich ähnliche Überlebensraten und die Schweiz höhere, nämlich etwa 55 Prozent Fünf-Jahres-Überlebensraten für Männer und 61 Prozent für Frauen.

Ein Vergleich mit der durchschnittlichen Überlebenswahrscheinlichkeit von US-Bürgern, bei denen zwischen 2000 und 2002 ein Malignom festgestellt worden war, ergab: Dort überlebten etwa 66 Prozent der Männer die Diagnose fünf Jahre und 63 Prozent der Frauen, ein signifikanter Unterschied zu Europas Mittelwert und den Ergebnissen in Deutschland. Grundlage für die US-Daten waren 13 Krebsregister.

Am Prostatakrebs stirbt in den USA in den fünf Jahren nach der Diagnose praktisch kein Mann mehr: Mehr als 99 Prozent überleben diesen Zeitraum. In Deutschland liegt der Mittelwert für diesen Tumor bei 85,3 Prozent, acht Prozentpunkte über dem europäischen Durchschnitt. Obwohl sich dies mit den epidemiologischen Daten nicht belegen lasse, könne ein Grund für die höheren US-Überlebensraten bei Prostata-Ca sein, dass US-amerikanische Männer über 65 Jahre deutlich häufiger ihre Werte für das Prostata-spezifische Antigen kontrollieren ließen als in Europa üblich, so die Autoren.

Vorsorge und neue Therapien erhöhen Überlebenschancen

Gleichwohl hätten sich in den vergangenen zehn Jahren auch in Europa die Überlebenschancen nach der Diagnose Prostata-Ca verbessert, ebenso bei Mamma- und kolorektalen Karzinomen, wohl durch bessere Vorsorge und neue Therapieformen, so die Epidemiologen. Die Unterschiede zwischen den Ländern Europas verringerten sich bei diesen Tumoren mit der Zeit. Beispiel für einen positiven Trend ist die Entwicklung der Überlebensraten bei Dickdarmkrebs in Deutschland: Wurde vor 15 Jahren ein Kolon-Ca entdeckt, überlebte knapp die Hälfte der Patienten die Diagnose fünf Jahre; fällt die Manifestation in die Jahre 2004 bis 2008, erwartet Brenner Fünf-Jahres-Überlebensraten von 62 Prozent.

Die Überlebensraten bei anderen Tumorarten stagnieren dagegen in Europa seit 15 Jahren, zum Beispiel bei Zervix- und Lungenkarzinomen, obwohl es bessere Möglichkeiten der Früherkennung gebe, so die Autoren der Eurocare-Studie. Epidemiologische Studien ließen zwar keine Rückschlüsse auf einzelne kausale Faktoren zu. Aber es könne langfristig sinnvoll sein, von den Ländern mit den besten Ergebnissen zu lernen und in Europa gemeinsam Konzepte zur Früherkennung und Versorgung von Krebspatienten zu entwickeln.

FAZIT

Neuere statistische Verfahren ermöglichen Aussagen über durchschnittliche Prognosen nach der Diagnose Krebs, die nicht mehr viele Jahre den Entwicklungen in der Onkologie hinterher hinken. Bei allen Tumorarten zusammen liegen die Fünf-JahresÜberlebensraten in Deutschland im mittleren Bereich der Länder Zentraleuropas - mit einem vermutlich auch in den kommenden Jahren leichten Trend in eine positive Richtung. Einige nordeuropäische Länder wie Schweden und Finnland haben eine geringere Fünf-Jahres-Krebsmortalität, ebenso die USA. (nsi)

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Endlich her mit einem Krebsregister!

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