Ärzte Zeitung, 30.01.2008

HINTERGRUND

Aus dem Computer spricht die eigene Stimme

Von Andreas Wojak

 Aus dem Computer spricht die eigene Stimme

Dr. Eduardo Mendel hat das Sprechprogramm entwickelt.

Foto: Uni Oldenburg

Es begann alles vor sieben Jahren mit einem dramatischen Anruf. Ein naher Freund erzählte dem Physiker Dr. Eduardo Mendel von der Diagnose Kehlkopfkrebs und dass er in wenigen Tagen operiert werden müsse und seine Stimme verlieren werde. Nach dem ersten Schock zerbrach sich Mendel den Kopf darüber, ob nicht die Stimme seines Freundes auf irgendeine Weise zu retten sei. Er war überzeugt, dass es möglich sein müsse, die eigene Stimme aufzunehmen und damit anschließend ein Sprechprogramm zu füttern.

Der Physiker, der seit vielen Jahren im Bereich der Theoretischen Physik der Universität Oldenburg geforscht und gelehrt hat, recherchierte sowohl im Internet als auch bei Firmen und stellte fest, dass es keine entsprechenden Computerprogramme gab. Es existieren zwar Sprechprogramme, diese werden aber immer von einer unpersönlichen oder künstlichen Stimme gesprochen. In aller Eile machte Mendel dann eine Reihe von Tonaufnahmen mit seinem Freund - ohne zu wissen, was er eigentlich genau benötigen würde.

Nach fünf Jahren Entwicklung war das Programm marktreif

Danach begann die Arbeit. Mendel musste sich in die Phonetik der deutschen Sprache einarbeiten. "Das war eine sehr, sehr mühselige Arbeit, da die deutsche Aussprache nicht eindeutig mit der Schreibweise übereinstimmt." Es half, dass er durch seine Studien in Chile, USA, Kanada und Israel mehrere Sprachen, unter anderem Spanisch beherrscht, in der die Schrift eindeutig phonetisch ist. Das andere große Problem neben der Phonetik war die Entwicklung eines Softwareprogramms, mit dem aus einem Fundus an Lauten und Silben neue Wörter und Sätze gebildet werden können. Nach fünfjähriger Entwicklungsarbeit war Mendel - wie bereits kurz berichtet - am Ziel: Er hatte sein Verfahren zur Reife gebracht und gründete daraufhin seine Firma, um es für Patienten zugänglich zu machen.

Drei Stunden muss der Patient tausende von Silben sprechen

Das Verfahren funktioniert so: Am Anfang steht die Sprachaufnahme bei Patienten mit drohendem Stimmverlust. Mendel: "Es ist äußerst wichtig, dass die Patienten von dieser Möglichkeit früh erfahren, damit ihre Stimme noch gut klingt." Hauptsächlich handelt es sich um Menschen, die an Kehlkopfkrebs oder an ALS erkrankt sind. Die Patienten müssen eine Wortliste vorlesen, die mehrere tausend Silben und alle Phoneme beinhaltet, was rund drei Stunden dauert. Sobald der Patient seine digital gespeicherte Stimme benötigt, wird das "Sprachmaterial" von Mendel und seinen Mitarbeitern ins individuelle Sprechprogramm "Meine-eigene-Stimme" integriert und dem Patienten zugeschickt. Diese zweite Phase nimmt 60 bis 70 Arbeitsstunden in Anspruch.

Nach der Installation des Programms auf dem PC kann der von Stimmverlust betroffene Patient Sätze eingeben, die anschließend von seiner eigenen Stimme gesprochen werden. Zwar ist die Sprache aus dem Computer nicht völlig identisch mit der echten Sprache, da das Programm nicht ganze Satzmelodien nachbilden kann, allerdings ist der Klang völlig natürlich und in seiner Individualität eindeutig erkennbar.

Inzwischen haben Mendel und seine Mitarbeiter für rund 50 Patienten ein angepasstes Softwareprogramm erstellt. "Wir haben bei weiteren 50 Patienten Sprachaufnahmen gemacht, aber glücklicherweise benötigen sie das Programm bislang noch nicht", so Mendel.

Das Verfahren ist mittlerweile in das Hilfsmittelverzeichnis der Krankenkassen aufgenommen worden. "Das ist natürlich ein großer Erfolg", so Mendel. "Andererseits ist die Bewilligungspraxis der Kassen sehr unterschiedlich, und manchmal entscheidet sogar dieselbe Kasse von Fall zu Fall anders." Dass das Programm, das 3200 Euro kostet, abgelehnt wird, weil es teurer als die Sprechprogramme mit unpersönlichen Stimmen ist, lässt Mendel nicht gelten. "Gerade die eigene Stimme gehört zu den zentralen Dimensionen unserer Persönlichkeit".

"Ich würde mir nur wünschen, dass die betroffenen Menschen sich früher bei uns melden. Oft können die Patienten kaum noch sprechen, wenn wir zu ihnen kommen", so Mendel. Für Patienten, die außerdem noch in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, funktioniert das Sprechprogramm in Kombination mit Eingabehilfen wie Bildschirmtastatur, Stirn- und Augensteuerung.

www.meine-eigene-stimme.de, Kontakt: Dr. Eduardo Mendel, E-Mail: mendel@uni-oldenburg.de oder, Tel. 04 41 / 7 22 61

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