Ärzte Zeitung, 19.02.2008

HINTERGRUND

"Ein einheitliches Krebsregister muss her"

Heute öffnet der 28. Deutsche Krebskongress in Berlin seine Pforten. Mit dem Kongresspräsidenten Professor Manfred Kaufmann von der Universitätsklinik in Frankfurt am Main sprach Philipp Grätzel von Grätz.

 "Ein einheitliches Krebsregister muss her"

"In Deutschland hat der Stellenwert der onkologischen Leitlinien deutlich zugenommen, und das ist sehr zu begrüßen."
Professor Manfred Kaufmann ist Präsident des diesjährigen Deutschen Krebskongresses in Berlin.

Ärzte Zeitung: Der Deutsche Krebskongress ist in diesem Jahr überschrieben mit "Wissen teilen - Chancen nutzen". Was verbirgt sich hinter diesem Motto?

Professor Manfred Kaufmann: In der Onkologie beobachten wir derzeit eine ungeheure Dynamik des Wissens. Wenn die Grundlagenforschung mit berücksichtigt wird, dann verdoppelt sich zum Beispiel beim Mammakarzinom das Wissen im Moment alle zwei Jahre. Um da noch mitzukommen und wirklich alle Chancen zu nutzen, die das neue Wissen bietet, muss die Forschung sich mitteilen. Das Bedürfnis zum Austausch ist jedenfalls so groß wie nie: Wir rechnen mit 8000 Teilnehmern. Die Zahl der Voranmeldungen war noch nie so hoch wie in diesem Jahr.

Ärzte Zeitung: Was waren Ihrer Auffassung nach die wichtigsten Fortschritte der Onkologie in Deutschland im vergangenen Jahr?

Kaufmann: In Deutschland hat der Stellenwert der onkologischen Leitlinien deutlich zugenommen, und das ist sehr zu begrüßen. Konkret wurden zum Beispiel die S3-Leitlinien zum Mammakarzinom und zum kolorektalen Karzinom aktualisiert. Weitere Dynamik erhält dieser Bereich jetzt durch die Leitlinieninitiative von Deutscher Krebshilfe und Deutscher Krebsgesellschaft. Wesentlich war sicher auch, dass die Zentrenbildung an Fahrt gewonnen hat. Wir haben mittlerweile 163 zertifizierte Mamma-Zentren und 42 zertifizierte Darmzentren. Auf dem Deutschen Krebskongress werden wir darüber hinaus die ersten zwölf Prostatakarzinom-Zentren zertifizieren, und mit den ersten zertifizierten Hautkrebszentren ist auch noch in diesem Jahr zu rechnen.

Ärzte Zeitung: Und medizinisch?

Kaufmann: Hier war der wichtigste Fortschritt, dass das Rauchen in der Öffentlichkeit eingeschränkt wurde. Abgesehen davon halte ich den Rückgang in der Mortalität beim Mammakarzinom für eine bemerkenswerte Entwicklung der jüngeren Zeit. Das dürfte zum einen am Screening liegen, aber sicher auch an der adjuvanten Systemtherapie. Darauf deuten zumindest die Zahlen hin, die wir aus den USA haben. Danach liegt die Mortalität bei Brustkrebs dank Screening und adjuvanter Therapie bei etwa 40 pro 100 000 Frauen. Ohne die beiden Entwicklungen läge sie bei 60 pro 100 000.

Bei den Therapien stehen natürlich weiterhin die "small molecules" im Zentrum des Interesses. Nach dem Erfolg von Imatinib bei der CML haben wir jetzt auch für Patienten mit Nierenzell- und Leberkarzinom mit Sunitinib und Sorafenib interessante Therapie-Optionen, über die auf dem diesjährigen Krebskongress breit diskutiert werden wird.

Ärzte Zeitung: Ihr Spezialgebiet ist die Gynäkologische Onkologie. Wie bewerten Sie den bisherigen Verlauf beim Mammografie-Screening?

Kaufmann: Ich vergleiche das immer gerne mit der Rechtschreibreform: Es gibt noch einiges an Aufholbedarf. Wir haben bundesweit Teilnahmequoten von 50 bis 60 Prozent. Das ist deutlich zu niedrig. Rückblickend meine ich, dass die Bevölkerung besser aufgeklärt hätte werden sollen. Außerdem muss das Screening stärker in die Versorgung eingebunden werden. Wir brauchen sowohl eine Anbindung an die Brustkrebszentren als auch an das DMP-Programm Brustkrebs.

Ärzte Zeitung: Gibt es technische Weiterentwicklungen im Mammografie-Screening?

Kaufmann: Bei postmenopausalen Frauen ist der Nutzen des Screenings im Moment zweifellos am größten. Durch den zunehmenden Einsatz der digitalen Mammografie mit ihrer deutlich geringeren Strahlenbelastung wird das Screening jetzt aber auch für jüngere Frauen attraktiver. Die Magnetresonanztomografie halte ich für keine Alternative in einem Screening-Szenario. Sie hat zwar eine hohe Sensitivität, aber eine viel zu geringe Spezifität.

Ärzte Zeitung: Bewegung gibt es ja auch in der Brustkrebstherapie, etwa was die Taxane betrifft. Welchen Stellenwert haben sie inzwischen in der adjuvanten Brustkrebstherapie?

Kaufmann: Die Einordnung läuft noch, aber es zeigt sich zunehmend, dass Docetaxel bei Frauen mit nodal-positivem Mamma-Karzinom eine feste Größe in der Adjuvanz wird. Neue Daten vom San Antonio Breast Cancer Meeting zeigen außerdem, dass die Kombination mit Trastuzumab bei Frauen mit HER2-neu-positiven Karzinomen günstig sein kann und die Rezidivrate noch einmal halbiert. Hier gibt es aber noch ein paar Fragezeichen, unter anderem wegen der Kardiotoxizität dieser Kombination. Ob eine simultane oder eine sequentielle Therapie in dieser Hinsicht günstiger ist, wissen wir derzeit noch nicht.

Ärzte Zeitung: Wie sieht es bei den Aromatase-Hemmstoffen aus?

Kaufmann: Hier sind weiter die beiden Strategien "upfront" und "switch" möglich, also die sofortige Gabe oder aber der Wechsel nach Vortherapie mit Tamoxifen. Wichtig ist hier die Identifikation von Risikopatientinnen für eine Osteoporose. Die sollten ab einer bestimmten Risikostufe konsequent mit einem Bisphosphonat therapiert werden, das wurde auch in San Antonio noch einmal sehr deutlich.

Ärzte Zeitung: Was sind Ihre Wünsche an die Onkologie bis zum Deutschen Krebskongress 2010?

Kaufmann: Wir müssen die Zertifizierung der Organzentren weiter vorantreiben und möglichst viele S3-Leitlinien fertig stellen. Wir brauchen endlich ein flächendeckendes, einheitliches Krebsregister. Durch diese Maßnahmen alleine sollte sich die Gesamtmortalität in der Onkologie um 5 bis 10 Prozent senken lassen. Und dann müssen wir noch Ordnung in unseren Fortbildungskalender bringen. Es gibt zu viele Veranstaltungen, an denen zu viele Unternehmen auf unterschiedliche Weise beteiligt sind. Dafür brauchen wir feste Regeln.

STICHWORT

Epidemiologie bei Brustkrebs

Brustkrebs ist die häufigste bösartige Neubildung bei Frauen: In Deutschland erkranken nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) 47 500 Frauen jährlich neu an dieser Krebsart. Das heißt: Durchschnittlich jede 11.  Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an einem Mamma-Ca. Brustkrebs hat damit einen Anteil von 24 Prozent bei den Krebsneuerkrankungen der Frauen. 2003 starben in Deutschland 17 173 Frauen an Brustkrebs. Seit 1997 ist die Brustkrebsmortalität leicht rückläufig. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 64 Jahren. Mehr als die Hälfte aller Mamma-Karzinome werden bei Frauen über 60 Jahre diagnostiziert. (ikr)

Drei wichtige Substanzarten bei Brustkrebs

Die Substanzklassen der Taxane und Aromatasehemmer haben die medikamentöse Therapie beim Mamma-Karzinom entscheidend vorangebracht und sich mittlerweile auch in der adjuvanten Behandlung bei dieser Krebsart etabliert: Auch der monoklonale Antikörper Trastuzumab ist eine Bereicherung für die Brustkrebstherapie.

  • Die Taxane werden von verschiedenen Eibenarten gebildet. Therapeutisch genutzt werden Paclitaxel und Docetaxel. Sie blockieren den Zellzyklus in der Wachstumsphase 2 (G2-Phase) oder in der Mitose-Phase (M-Phase), wodurch die Zellen schließlich absterben. Paclitaxel und Docetaxel sind in Deutschland bereits seit längerem zur Behandlung beim metastasierten Mamma-Ca zugelassen. Mittlerweile sind sie auch als Adjuvantien geprüft worden. Demnach leben Frauen mit Taxanen länger rezdivfrei als mit Anthrazyklinen. In einigen Studien wurden auch bereits Überlebensvorteile nachgewiesen. Docetaxel ist bereits zur adjuvanten Brustkrebs-Therapie zugelassen.
  • Aromatasehemmer unterdrücken die Östrogen-Synthese der Tumorzellen bei hormonabhängigem Brustkrebs. Sie senken dadurch den Östrogenspiegel. Die beiden nicht-steroidalen Aromatasehemmer der dritten Generation Anastrozol und Letrozol sowie der steroidale Aromatasehemmer Exemestan senken die Rezidivrate bei Frauen mit Brustkrebs stärker als Tamoxifen. Alle drei sind in Deutschland mittlerweile zur Therapie bei metastasiertem Brustkrebs sowie auch als Adjuvantien zugelassen.
  • Der monoklonale Antikörper Trastuzumab ist zur Behandlung bei Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs sowohl im Früh- als auch im metastasierten Stadium zugelassen. Trastuzumab bindet selektiv an den HER2/neu-Rezeptor und inaktiviert ihn. Dadurch werden die Tumorzellen in ihrem Wachstum gehemmt. HER2-positive Frauen haben eine besonders schlechte Prognose. (ikr)

ZUR PERSON

Professor Manfred Kaufmann ist Präsident des diesjährigen Deutschen Krebskongresses in Berlin. Er leitet seit vielen Jahren die Universitäts-Frauenklinik in Frankfurt am Main. Professor Kaufmann ist außerdem Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) und Mitglied des Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

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