Ärzte Zeitung, 17.06.2008

Ein leibliches Kind trotz Krebstherapie

Kryokonservierung und Medikamente schützen Keimzellen vor Schädigungen durch Strahlen oder Chemo

 ein leibliches kind trotz krebstherapie

Vor einer Chemotherapie lohnt es sich, mit jungen Patientinnen über den Erhalt der Fertilität zu sprechen.

Foto: Klaro

von Maren Peters

Krebs - der Schock nach der Diagnose sitzt bei den Patienten tief. Viele wichtige Entscheidungen müssen plötzlich schnell getroffen werden, und die Gedanken kreisen vor allem darum, möglichst wieder gesund zu werden. Was danach kommt, scheint zunächst einmal nicht so wichtig zu sein.

"Trotzdem sollten sich die jüngeren Patienten in genau diesem Moment - also vor Beginn der Behandlung - überlegen, ob sie später einmal Kinder haben möchten", sagt Professor Michael von Wolff, Gynäkologe und Experte für Fruchtbarkeitsstörungen an der Universitätsklinik Heidelberg. Denn wenn ein Karzinom rechtzeitig erkannt werde, stünden die Heilungschancen für viele Krebsarten inzwischen gut. Chemo- und Strahlentherapie hinterlassen jedoch Spuren. Sie greifen nicht nur die Krebszellen an, sondern können auch die Keimzellen schädigen und somit die Fruchtbarkeit herabsetzen. "Im ungünstigsten Fall können Patienten nach einer Krebstherapie auf natürlichem Wege keine Kinder mehr zeugen", erklärt von Wolff. Auch wenn die Fertilität nicht in jedem Fall verloren gehe, empfehle es sich, sich genau zu informieren und gegebenenfalls vorzusorgen.

Netzwerk bietet Krebskranken Hilfe

Kompetente Hilfe finden Krebspatienten mit Kinderwunsch seit zwei Jahren bei "Fertiprotekt", dem deutschen Netzwerk für fertilitätsprotektive Maßnahmen bei Chemo- und Strahlentherapie. Beteiligt sind 33 Kliniken in ganz Deutschland. Ziel der Initiative ist es, die fachübergreifende Beratung und Betreuung der Patienten zu verbessern. Besonders Frauen sollen durch das Netzwerk angesprochen werden. Für sie wurden in den letzten Jahren einige neue Behandlungsmethoden zum Fruchtbarkeitserhalt entwickelt. 358 Krebspatientinnen haben die Experten von "Fertiprotekt" nach eigener Aussage bereits beraten, 292 von ihnen haben sich daraufhin für eine der vorbeugenden Behandlung entschieden.

"Wir wollen jedoch keine falschen Hoffnungen wecken", sagt die Reproduktionsmedizinerin Dr. Bettina Pfüller. Sie leitet das Kinderwunschzentrum der Frauenklinik an der Berliner Charité, Campus Mitte, das auch am Netzwerk beteiligt ist. Die Fortpflanzungsmedizin mache zwar rasante Fortschritte, eine Behandlung sei aber nur bis zu einem Alter von etwa 35 bis 37 Jahren sinnvoll. Je jünger eine Patientin ist, desto besser sind ihre Chancen, nach der Therapie Mutter zu werden. Denn mit zunehmendem Alter geht der Eizellenvorrat zur Neige, der bei der Geburt in den Eierstöcken angelegt war.

Bei Männern produzieren die Hoden ein Leben lang neue Spermien. Durch Bestrahlung des Unterleibs oder eine Chemotherapie werden jedoch gelegentlich die Samenzellen geschädigt. Dann entwickeln sich keine neuen Spermien mehr. Vorbeugend können Patienten kurzfristig - noch einem Tag vor der Krebstherapie - bei einer Samenbank Sperma einfrieren lassen.

"Eizellen zu konservieren ist wesentlich aufwendiger", so von Wolff. Je nachdem, wie viel Zeit von der Diagnose bis zum Therapiebeginn bleibe und welche Art Krebs diagnostiziert wurde, stünden unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung, die Fruchtbarkeit zu erhalten.

Die größten Chancen, nach einer Therapie noch schwanger zu werden, biete das Einfrieren von befruchteten Eizellen, sagt von Wolff. Allerdings bedarf es dazu vor Beginn der Krebstherapie einer zweiwöchigen Vorbehandlung mit Hormonen. Erst danach können einer Patientin mehrere reife Eizellen entnommen und mit den Spermien ihres Partners befruchtet werden. Da das Wachstum mancher Tumorarten, etwa bei Brustkrebs, durch Hormone angeregt werden kann, sollte eine solche Behandlung genau abgewogen werden.

Ist das Risiko zu hoch, können auch unreife Eizellen entnommen werden. Diese werden in Nährlösungen nachgereift und dann befruchtet oder unbefruchtet eingefroren. Allerdings ist die Konservierung unbefruchteter Eizellen etwas problematischer. Aufgrund ihres wesentlich höheren Wasseranteils können sich beim Einfrieren leicht Kristalle bilden und die Zelle Schaden nehmen. In den letzten zwei bis drei Jahren sind jedoch durch spezielle Zusätze zum Gefrierschutz und neuartige Einfrierverfahren auch auf diesem Gebiet deutliche Fortschritte gemacht worden und Schwangerschaften zustande gekommen. Die Entnahme unreifer Eizellen empfiehlt sich auch dann, wenn von der Diagnose bis zum Behandlungsbeginn keine zwei Wochen Zeit bleiben - wie etwa bei einer akuten Leukämie.

Neuerdings können Reproduktionsmediziner sogar Teile eines Eierstocks entnehmen und für eine spätere Rückverpflanzung einlagern. Im Idealfall regt das Gewebe nach seiner Reimplantation den durch die Krebstherapie geschädigten Eierstock wieder an, seine Funktionen aufzunehmen. Die Patientin kann auf natürlichem Wege schwanger werden. Belgische Mediziner wagten dieses Experiment erstmals 2004, die so behandelte Frau ist heute Mutter eines gesunden Mädchens. Diese Methode sei besonders für junge Frauen bis 25 Jahre geeignet, sagt Bettina Pfüller. Eine Unsicherheit allerdings liegt im Gewebe selbst: Es könnte Tumorzellen enthalten und nach der Wiedereinpflanzung neue Wucherungen auslösen. "Um das zu vermeiden, untersuchen wir das entnommene Gewebe vor der Einlagerung sehr genau", erläutert von Wolff.

Bei einer Chemotherapie besteht zudem eine medikamentöse Möglichkeit die Fruchtbarkeit zu schützen. Durch Gonadotropin-releasing-Hormon-Analoga (GnRH-a) können die Eierstöcke vorübergehend in einen Ruhezustand versetzt werden, der den Wechseljahren gleicht, so dass die Chemotherapie die Keimzellen nicht beeinflusst. "Die Wirksamkeit dieser Methode ist allerdings nicht eindeutig bewiesen", sagt Pfüller. Da aber die Möglichkeit einer Schutzwirkung besteht, die Tabletten einfach einzunehmen und zudem gut verträglich seien, werde sie trotzdem oft angewendet.

Schutzmaßnahmen bei lokaler Bestrahlung

Wird die Krebsgeschwulst lokal bestrahlt, sind nur dann Schutzmaßnahmen nötig, wenn der Unterleib behandelt wird. In diesem Fall können die Eierstöcke vor der Therapie verlegt werden. Üblicherweise werden die Eierstöcke nach Durchtrennung der Eileiter unterhalb des Zwerchfells an die Bauchdecke genäht. Eine Schwangerschaft ist dann nur durch eine künstliche Befruchtung möglich.

"Für welches Vorgehen eine Frau sich entscheidet, hängt letztlich auch von ihren finanziellen Möglichkeiten ab", sagt von Wolff. Denn die Kosten seien größtenteils privat zu tragen. Die Krankenkassen übernehmen in der Regel nur die Kosten für die den Hormonmangel auslösenden GnRH-a-Präparate und die operative Verlegung der Eierstöcke. "Die Entnahme von Eizellen inklusive einer Hormonbehandlung und Befruchtung kostet 2000 bis 4000 Euro - hinzu kommt die Lagerung der Keimzellen die jährlich mit etwa 200 Euro zu Buche schlägt", sagt von Wolff. Für die Kryokonservierung von Teilen des Eierstocks inklusive Bauchspiegelung zur Entnahme des Gewebes seien 150 bis 500 Euro zu zahlen. Informationen über Kinderwunsch nach Krebs gibt es unter www.krebshilfe.de sowie unter: www.fertiprotekt.de

Der Artikel ist zuerst erschienen

in der "Berliner Zeitung" vom 2. Mai 2008.

So schädigen Krebstherapien Keimzellen

Grundsätzlich gilt: Je jünger ein Krebspatient ist, desto weniger ist seine Fruchtbarkeit gefährdet. Bei vorpubertären Kindern sind die Keimzellen in der Regel durch den Ruhezustand, in dem sie sich noch befinden, vor den schädlichen Wirkungen von Strahlen- und Chemotherapie geschützt. Nach der Pubertät wirkt sich eine Chemo fast immer negativ auf die Fruchtbarkeit aus. Denn die Wirkstoffe der Zytostatika verteilen sich im ganzen Körper. Sie greifen in die Teilung aller schnell wachsender Körperzellen ein, auch in gesunden Geweben. Betroffen sind vor allem die Schleimhäute, Haarwurzelzellen und auch die Keimzellen. Bei einer Strahlentherapie wird das Erbgut der Zellen im bestrahlten Bereich verändert. Hat sich Krebs im Unterleib gebildet, kann auch das Erbgut von Ei- und Samenzellen beeinflusst werden. Die Folgen für die Entwicklung eines aus solchen Zellen entstandenen Kindes sind nicht absehbar.

Einfrieren befruchteter Eizellen bietet gute Chancen.

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