Ärzte Zeitung online, 08.07.2008

Verteidigung fordert Freispruch im Prozess um Krebswundermittel

KASSEL (dpa). Im Verfahren um das "Krebswundermittel" Galavit hat die Verteidigung des Hauptangeklagten einen Freispruch gefordert. Zudem müsse der 64-Jährige für seine zweieinhalbjährige Untersuchungshaft entschädigt werden, sagten die beiden Verteidiger am Montag vor dem Kasseler Landgericht.

"Natürlich wollte mein Mandant Geld verdienen. Aber auch ein neues, vielversprechendes Medikament verbreiten. Wenn das Wucher ist, sind in der Pharmaindustrie viele schuldig", sagte ein Anwalt.

Den fünf Angeklagten wird vorgeworfen, das "überteuerte und wirkungslose" russische Aufbaupräparat Galavit vom Sommer 2000 an in einer Klinik in Nordhessen todkranken Krebspatienten verabreicht zu haben. Die Vorwürfe lauten auf Betrug und Wucher. Die fünf sollen den Kranken 16 800 Mark (etwa 8500 Euro) berechnet haben - das 26-fache des eigentlichen Preises. Fast alle der mehr als 150 Patienten sind gestorben. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Schlussplädoyer für den 64-Jährigen siebeneinhalb Jahre Haft gefordert, ergänzt um ein halbes Jahr aus einer alten Strafe. Der beteiligte Arzt soll sechs Jahre ins Gefängnis.

Der Hauptangeklagte habe gegenüber Krebskranken nie von Heilung gesprochen, nur von einer Verbesserung des Allgemeinbefindens. "Es ist nicht auszuschließen, dass die Verzweifelten eventuell hörten, was sie hören wollten. Es ist allerdings auch nicht auszuschließen, dass die Wirkung in der Klinik als zu positiv dargestellt wurde", sagte der Anwalt. Auf die Vorgänge in der Klinik habe der Mann jedoch keinen Einfluss gehabt. Als medizinischer Laie habe er zudem von der Wirkung von Galavit ausgehen müssen: "Die russischen Ärzte haben, damals und hier in der Verhandlung, von "sehr guten Erfolgen" gesprochen."

Die große Preisspanne sei üblich. "Das sind vermeintliche Taten, die in der Pharmaindustrie an der Tagesordnung sind", sagte einer der Verteidiger. Nur aus der Höhe des Aufschlags könne kein Wucher geschlussfolgert werden: "Dann sollten sich Kaffeehäuser in Acht nehmen, die teilweise 1000 Prozent draufschlagen." Der zweite Verteidiger kritisierte Staatsanwaltschaft und Verfahren scharf. Ein Sachverständiger sei "mehr als befangen", die Staatsanwaltschaft vom Verfolgungsdruck geprägt und die Berichterstattung nicht objektiv gewesen.

Kurz zuvor war aus den Reihen der Verteidiger noch die Vorladung von mehr als 2000 Zeugen gefordert worden. Eine solche beispiellose Anhörung, die vom Gericht als bedeutungslos abgelehnt wurde, hätte das seit 16 Monaten laufende Verfahren um Jahre verzögert.

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