Ärzte Zeitung online, 27.08.2008

"Jedem Krebspatienten seine individuelle Therapie"

MARBURG (eb). Marburger Mediziner haben eine neue klinische Forschergruppe etabliert, um Gene zu untersuchen, die Tumorzellen resistent gegenüber Krebsmedikamenten machen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert sieben Teilprojekte mit 2,3 Millionen Euro für die kommenden drei Jahre, die Universität steuert dieselbe Summe bei.

Bei akuter myeloischer Leukämie vermehren sich unreife Blutzellen ungezügelt im Knochenmark.

Foto: Andreas Neubauer

In naher Zukunft wird Krebs vermutlich die Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Todesursache Nummer eins ablösen, wie es sich aktuell bereits in den Vereinigten Staaten und in China abzeichnet. "Eines der größten Probleme bei Krebs sind Resistenzen gegenüber Chemotherapeutika", sagt Professor Andreas Neubauer, der Sprecher der Forschergruppe KFO 210 "Genetics of drug resistance in cancer".

Gesucht werden die Wege, die zu Resistenzen führen

Die beteiligten Wissenschaftler von den Universitäten Marburg und Würzburg wollen nun herausfinden, welche molekularen Signalwege dafür verantwortlich sind, dass Tumorzellen nicht auf Krebsmedikamente ansprechen. Dazu schalten die Forscher einzelne Gene aus, um Rückschlüsse auf deren Funktion ziehen zu können. In Hochdurchsatz-Experimenten können Tausende von Genen pro Durchgang getestet werden, indem man jeweils ein Gen pro Zelle inaktiviert.

Die technologische Grundlage für diese Vorgehensweise liefern moderne RNAi-Screening-Verfahren, die Professor Martin Eilers mit seiner Würzburger Arbeitsgruppe weiterentwickelt, damit die Marburger Kollegen ihre Forschungen mit den neuartigen Instrumenten vorantreiben können.

Die Teilprojekte an der Philipps-Universität unterscheiden sich voneinander hinsichtlich der untersuchten Krebsarten sowie der Signalwege, die erforscht werden sollen. "Wir träumen davon, dass jeder Patient seine individuell zugeschnittene Therapie bekommt", fasst Neubauer das Fernziel der Forschergruppe zusammen.

Die Universitäten freuen sich über die Förderung

Die Universitätsleitung begrüßte die Einrichtung der neuen Forschergruppe. "Die Förderung durch die DFG belegt, welch hohen Stellenwert die Marburger Krebsforschung im nationalen Vergleich hat", sagte Dr. Friedhelm Nonne, der Kanzler der Philipps-Universität Marburg. "Deshalb unterstützt die Universität das Vorhaben auch finanziell." Auch Professor Werner Seeger, der ärztliche Geschäftsführer des Universitätsklinikums Gießen und Marburg zeigte sich erfreut über die Anerkennung der Marburger Universitätsmedizin durch die DFG: "Die bewilligten Projekte stärken das wissenschaftliche Profil unseres Klinikums. Die Förderzusage macht erneut deutlich, wie gut exzellente Forschung in einem privatisierten Umfeld gedeihen kann."

Die sieben geförderten Projekte im Einzelnen

  • Das Team von Professor Andreas Neubauer beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen einem bekannten Krebsgen und dem Wirkstoff Cytarabin. "Das Projekt geht von klinischen Beobachtungen aus, die ich vor 20 Jahren als junger Wissenschaftler gemacht habe", erläutert der Onkologe: Leukämie-Patienten, die eine krebsfördernde Mutation im so genannten Ras-Gen tragen, sprechen überdurchschnittlich gut auf das hoch dosierte Medikament Cytarabin an. In aktuellen Untersuchungen konnte Neubauer diesen Befund auch in Zellkultur bestätigen. Die DFG-Förderung ermöglicht es nun, nach weiteren Zielgenen im Ras-Signalweg zu fahnden, die anschließend molekular charakterisiert und in Zellkultur getestet werden sollen.
  • Dr. Andreas Burchert sucht nach Genen, die dafür verantwortlich sind, dass Tumorzellen eine Behandlung mit dem Wirkstoff Cisplatin oder Imatinib überdauern. Als Modell hierfür dienen das Lungenkarzinom und die chronische myeloische Leukämie. Burchert ist zugleich Leiter der Forschergruppe.
  • Die Bedeutung des Proteins WNT5A für das Überleben von Tumorzellen ist das Thema von Dr. Patrick Michl. Er möchte am Beispiel von Bauchspeicheldrüsen-Krebs die Rolle von Molekülen aufklären, die das WNT5A-Signal weiterleiten oder modifizieren.
  • Dr. Volker Ellenrieder widmet sich in seiner Forschungsarbeit ebenfalls dem Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Das Teilprojekt gilt der Frage, wie der Transkriptionsfaktor NFAT zur Chemoresistenz beiträgt, indem er mit dem Ras-Signalweg interagiert.
  • Die Arbeitsgruppe von Professor Thomas Stiewe befasst sich mit einem zellulären Reparatursystem, das Fehler bei der Vervielfältigung der Erbsubstanz DNA aufdeckt und korrigiert. Wenn das Reparatursystem nicht funktionsfähig ist, kommt es vermehrt zur Tumorbildung.
  • Die Voraussetzungen für die verschiedenen Vorhaben liefert das Plattform-Projekt von Professor Martin Eilers in Würzburg. Das Ziel seiner Arbeitsgruppe ist es, Fremd-DNA mittels Viren in Zellen einzuschleusen, so dass dort zelleigene Gene ausgeschaltet werden.
  • Dr. Cornelia Brendel wird in ihrem Teilprojekt aufwendige Zellsortierungs-Verfahren verwenden, um Zelltypen zu finden, die dafür verantwortlich sind, dass Patienten nicht auf Therapien ansprechen oder einen Rückfall erleiden.

Stichwort RNAi-Technik

Die RNA-Interferenz (RNAi) ist noch ein relativ junges Verfahren und wird derzeit zur Therapie bei verschiedenen Krankheiten erprobt. Mit der Methode lassen sich schnell einzelne Gene zielgenau abschalten, zum Beispiel solche, die an der Entstehung von Krankheiten oder der Vermehrung von Viren beteiligt sind. Dazu bringen die Wissenschaftler winzige RNA-Abschnitte (siRNA) in die Zellen, die in ihrem Aufbau genau zu den Genen passen, deren Funktion unterdrückt werden soll. Experten sprechen davon, die Gene stumm zu schalten. (eb)

Aus Anlass der Förderzusage durch die DFG lädt der Fachbereich Medizin der Universität Marburg zu einem Pressegespräch ein am Freitag, den 29. August 2008 um 13:00 Uhr im Dekanat des Fachbereichs Medizin, Universitätsklinikum Marburg, Baldingerstraße, Raum 2214

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