Ärzte Zeitung, 08.10.2008

Interview

"Gut 20 Prozent aller Krebserkrankungen sind auf Infektionen zurückzuführen"

Für seine Forschungen zu humanen Papillomviren und deren Zusammenhang mit Zervixkrebs hat Professor Harald zur Hausen - wie berichtet - den Medizin-Nobelpreis erhalten. Noch weitere Viren und Erreger geraten zunehmend in Verdacht, kanzerogen zu sein, so der Heidelberger Forscher.

"Gut 20 Prozent aller Krebserkrankungen sind auf Infektionen zurückzuführen"

"Der Anteil infektionsbedingter Krebserkrankungen könnte auf über 30 Prozent steigen." Professor Harald zur Hausen Virologe aus Heidelberg

Ärzte Zeitung: Welche Krebserkrankungen stehen heute zweifelsfrei im Zusammenhang mit Viren oder anderen Erregern?

Professor Harald zur Hausen: Etwa 21 Prozent aller Krebserkrankungen sind auf Infektionen zurückzuführen. Ganz wichtige Karzinogene sind außer den humanen Papillomviren (HPV) vom Typ 16 und 18, die hauptsächlich für den Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sind, etwa auch die Hepatitis-B- und C-Viren, die zu Leberkrebs führen. Und noch etwas steht fest: Der Magenkrebs wird zu einem großen Teil durch ein Bakterium, den Helicobacter pylori, verursacht, und zu etwa zehn Prozent ist offensichtlich auch das Epstein-Barr-Virus (EBV) daran beteiligt. Mit EBV müssen außerdem gewisse Lymphome wie Burkitt-Lymphome und unter Immunsuppression auftretende B-Zell-Lymphome in Verbindung gebracht werden sowie der Nasopharynxkrebs und hierzulande etwa 20 bis 30 Prozent der Hodgkin-Lymphome. In Entwicklungsländern ist der Anteil noch höher.

Ein weiteres krebsauslösendes Virus ist das humane Herpes-Virus Typ 8 (HHV 8). Es löst das Kaposi-Sarkom aus - vor allem bei HIV-Infizierten. Das T-lymphotrope Retrovirus HTLV-1 ist vor allem in Südjapan ursächlich für die Erwachsenen-Leukämie. Bestimmte Parasiten spielen eine wesentliche Rolle beim Blasenkrebs im Nildelta und in Ägypten. Erst im Januar diesen Jahres wurde ein weiteres wichtiges krebsauslösendes Virus entdeckt: das sogenannte Merkelzell-Polyoma-Virus (MCV). Es ist beteiligt am Merkelzellkarzinom, einem zwar seltenen, aber sehr bösartigen Hautkrebs.

Ärzte Zeitung: Gegen welche krebsauslösenden Erreger gibt es bereits Impfungen?

zur Hausen: Bisher kann lediglich gegen das Hepatitis-B-Virus sowie gegen die beiden HPV-Typen 16 und 18 geimpft werden.

Ärzte Zeitung: Wieviele Krebstote lassen sich dadurch verhindern?

zur Hausen: Theoretisch ließen sich damit viele Krebstote verhindern. Nehmen Sie nur die HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. Es ist davon auszugehen, dass von den insgesamt 250 000 Frauen weltweit, die pro Jahr an einem Zervix-Karzinom sterben, durch die HPV-Impfung 70 bis 80 Prozent vor einem solchen Tod bewahrt werden könnten.

Ärzte Zeitung: Sie selbst forschen derzeit über die Bedeutung der endogenen Retroviren bei Leukämien und Lymphomen. Können Sie darüber schon Näheres berichten?

zur Hausen: Momentan kann man nur sagen, dass es bei diesen Krebserkrankungen relativ häufig zu einer Aktivierung endogener Retrovirusgenome kommt. Ob diese wirklich kausal eine Rolle spielen, lässt sich derzeit allerdings noch nicht sagen.

Ärzte Zeitung: Wie sehen Sie künftig den Stellenwert von Infektionen als Ursache von Krebserkrankungen?

zur Hausen: Ich schätze diesen als sehr hoch ein. Wenn Sie davon ausgehen, dass vor 20 bis 30 Jahren noch darüber gelächelt worden ist, wenn man nur von einem Anteil von 5 Prozent der infektionsbedingten Krebserkrankungen an allen Krebserkrankungen sprach. Jetzt hat sich dieser Anteil auf gut 20 Prozent erhöht. Ich gehe davon aus, dass er noch weiter steigen wird. Derzeit gilt zwar das Rauchen als wichtigster Krebsrisikofaktor, der in etwa 30 Prozent aller Krebserkrankungen involviert ist. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Infektionen diesen Prozentsatz noch übersteigen werden. Gerade junge Wissenschaftler, die heute auf dem Sektor der Krebsforschung zu arbeiten beginnen, sollten daher für solche Fragestellungen verstärkt interessiert werden.

Das Interview mit dem Nobelpreisträger führte Ingeborg Bördlein, Mitarbeiterin der "Ärzte Zeitung".

Zur Person

Professor Harald zur Hausen wurde 1936 in Gelsenkirchen geboren. Er hat mehr als 300 Arbeiten veröffentlicht. Unter den Fachartikeln finden sich Beiträge über Evolution, Menschwerdung, Genom und Religion. 1972 übernahm er den Lehrstuhl für Virologie der Universität Nürnberg-Erlangen und 1977 den Lehrstuhl für Virologie der Universität Freiburg. Von 1983 bis 2003 leitete zur Hausen das Deutsche Krebsforschungszentrum als Vorsitzender des Stiftungsvorstands. Bis heute führt er seine Forschungsarbeiten im Institut fort.

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