Ärzte Zeitung online, 02.12.2008

Nobelpreisträger zur Hausen fordert mehr Zeit für Forschertalente

HEIDELBERG (dpa). Jungen Wissenschaftlern in Deutschland wird nach Ansicht von Nobelpreisträger Professor Harald zur Hausen nicht ausreichend der Rücken gestärkt, damit sie hartnäckiger an ihren Projekten forschen können. "Das Hauptproblem liegt nicht an ihrer Einstellung und dem Talent", sagte zur Hausen in einem Gespräch mit der dpa in Heidelberg.

Nobelpreisträger zur Hausen fordert mehr Zeit für Forschertalente

Professor Harald zur Hausen.

Foto: dpa

Vielmehr würden die jüngeren Wissenschaftler durch das deutsche Forschungssystem gezwungen, kurzfristig Ergebnisse vorzulegen, um in ihrer Karriere weiterzukommen.

"Sie müssen bereits in den ersten Jahren ihrer Arbeit eine bestimmte Zahl von Publikationen ausweisen, um dann über eine gewisse Selbstständigkeit zu verfügen und eigene Nachwuchsgruppen zu gründen", sagte der 72-jährige Virologe, der am 10. Dezember in Stockholm den Medizin-Nobelpreis in Empfang nehmen wird.

Forscher benötigten aber Zeit, um sich in ein neues und einigermaßen originelles Gebiet einzuarbeiten, betonte zur Hausen, der selbst beharrlich seit den 1970er Jahren an seiner Überzeugung arbeitete, dass Viren Krebs auslösen können. Mit dem Nachweis schuf er schließlich die Grundlagen für einen breit angewandten Impfstoff.

Der Mediziner forderte einen "zeitlichen und finanziellen Vorschuss" für junge Forscher, wenn diese bereits während ihres Studiums durch Leistung auf sich aufmerksam gemacht haben. "Ich selbst habe während meiner Zeit im Deutschen Krebsforschungszentrum immer wieder junge Menschen gesehen, die zunächst ihre Zeit benötigten und die heute erfolgreich in den USA arbeiten", berichtete der Mediziner. Eine Auslandserfahrung für deutsche Forscher hält er für bedeutend: "Eine Reihe von Mitarbeitern habe ich selbst ins Ausland geschickt, damit sie mal einen anderen Betrieb kennenlernen und andere Denkansätze verfolgen können."

Der Heidelberger Nobelpreisträger will die derzeitige Aufmerksamkeit auch dazu nutzen, weiter für eine stärkere Impfrate von Jungen gegen die Viren zu werben, die bei Frauen Gebärmutterhalskrebs auslösen. "Männer können ebenfalls an Krebs erkranken, der durch die gleichen Virus-Typen verursacht wird, etwa Krebs im Analbereich, aber auch 25 bis 30 Prozent der Krebserkrankungen der Mundhöhle und des Rachens", betonte zur Hausen.

Für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren wird die Impfung von der Ständigen Impfkommission seit Frühjahr 2007 empfohlen. Mehrere Wissenschaftler hatten in der vergangenen Woche allerdings die Wirksamkeit des Impfstoffs als "nicht ausreichend belegt" bezeichnet. Die in Studien ermittelten Ergebnisse stünden in Widerspruch zu vielen optimistischen Verlautbarungen, schrieben sie in einer gemeinsamen Stellungnahme. Zur Hausen will sich am 3. Dezember zu den Vorwürfen äußern.

Lesen Sie auch das Interview der "Ärzte Zeitung" mit Professor Harald zur Hausen anlässlich der Nobelpreis-Auszeichung:

"Gut 20 Prozent aller Krebserkrankungen sind auf Infektionen zurückzuführen"

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