Ärzte Zeitung online, 08.01.2009

Neuroblastom: Großer Fortschritt in der Forschung

WÜRZBURG (eb). Neuroblastome sind seltene Tumoren bei sehr kleinen Kindern. Behandlungen sind nicht immer möglich. Bei der Erforschung dieser Krebsform sind Würzburger Wissenschaftler einen Schritt weitergekommen: Durch das Ausschalten eines Gens konnten sie das Wachstum der Tumorzellen zügeln.

Häufig entstehen Neuroblastome im Bauch. Die erkrankten Kinder - sie sind meist jünger als ein Jahr - haben dann Bauchschmerzen oder Atembeschwerden, weil der Tumor auf die Lunge drückt. In Deutschland werden pro Jahr rund 130 Tumoren bei Kindern diagnostiziert.

"Etwa 80 Prozent der erkrankten Kinder geht es relativ gut, bei ihnen wirken die herkömmlichen Therapien", sagt Professor Martin Eilers von der Universität Würzburg.

Anders sieht es bei den übrigen 20 Prozent aus: Sie sind in schlechter Verfassung, die Behandlungsmethoden versagen und die meisten von ihnen müssen sterben. Alle Versuche, die Therapien für diese Gruppe zu verbessern, sind bislang gescheitert.

Neuroblastome, die sich derart drastisch auswirken, haben etwas gemeinsam: In den Tumorzellen ist ein Gen namens MYCN mutiert. "Wir haben vermutet, dass diese Mutation nicht allein für die Therapieresistenz der Tumoren verantwortlich ist", so Eilers.

Rund 200 getestete Gene und fünf Jahre Arbeit brauchte es, bis die Suche erfolgreich war

Sein Team fahndete darum nach weiteren Genen, die für das Wachstum der aggressiven Neuroblastome nötig sind, für gesunde Zellen aber bedeutungslos: "Wir haben in Zellkulturen systematisch Gen für Gen abgeschaltet und dann geprüft, welchen Effekt das jeweils auf die Krebszellen hat."

Rund 200 Gene mussten die Forscher lahmlegen und fünf Jahre Arbeit investieren, bis ihre Suche erfolgreich war: Als sie das so genannte AURKA-Gen ausgeschaltet hatten, stellten die Neuroblastom-Zellen ihr Wachstum ein (Cancer Cell 15, 2009, 67).

Warum das passiert? "Das AURKA-Gen erzeugt das Protein Aurora A. Das wiederum bindet sich an das Mycn-Protein und stabilisiert es. Fehlt Aurora A, wird das andere Protein instabil und die Tumorzellen wachsen nicht weiter", erklärt Eilers in einer Mitteilung der Universität.

Bis zur Therapie sind noch weitere Jahre Forschungsarbeiten nötig

Bis diese Erkenntnisse möglicherweise einmal zu einer Therapie für krebskranke Kinder führen können, sind noch viele Jahre Forschungsarbeit nötig. Zunächst werden Eilers und sein Team in den Zellkulturen weitere Details des neu entdeckten Mechanismus studieren. Gleichzeitig beginnt die Suche nach Hemmstoffen, die das Aurora-Protein unterdrücken können.

Stichwort MYC-Gene

Die MYC-Gene steuern die Produktion der Myc-Proteine. Von diesen Proteinen stellen Tumoren in aller Regel viel größere Mengen her als normale Gewebe. Außerdem regen Myc-Proteine normale Zellen dazu an, unkontrolliert zu wachsen. Professor Martin Eilers hat seit Oktober 2008 den Lehrstuhl für Physiologische Chemie II am Biozentrum der Universität Würzburg inne. Er erforscht grundlegende Mechanismen der Tumorentstehung. Dabei spielen die drei MYC-Gene - eines davon ist MYCN - eine wichtige Rolle: "Sie tragen zur Entstehung vieler, möglicherweise fast aller Tumore beim Menschen bei", so Eilers. "Es gibt viele Hinweise darauf, dass es eine gute Tumortherapie wäre, wenn man Myc-Proteine mit Medikamenten hemmen könnte."

Zusammenfassung der Studie "Stabilization of N-Myc Is a Critical Function of Aurora A in Human Neuroblastoma"

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