Ärzte Zeitung, 07.04.2009

Treibt Gewebefaktor die Krebsprogression an?

Venöse Thromboembolien sind eine häufige Komorbidität bei Krebspatienten. Krebsprogression und überschießende Gerinnung könnten bei etlichen Patienten ursächlich miteinander verknüpft sein.

Von Simone Reisdorf

Bei einigen Tumorpatienten scheinen überschießende Gerinnung und Krebsprogression verbunden zu sein.

Foto: dpa

Bindeglied für diesen Zusammenhang ist demnach der Tissue Factor. Dies gelte für Patienten mit Onkogen-induziertem Krebs, erklärte Professor Frederick R. Rickles aus Washington D.C. bei einem Symposium in Prag. Onkogene sind mutierte, eigentlich für physiologisches Zellwachstum, Zellteilung und -differenzierung verantwortliche Gene. Ihre Entartung führt zu unkontrolliertem Zellwachstum. In tierexperimentellen und ersten klinischen Studien wurde in den vergangenen Jahren eine Onkogen-getriggerte verstärkte Freisetzung von Tissue Factor (TF, Gewebefaktor, Faktor III, Thromboplastin) gezeigt. Der Gewebefaktor ist aber nicht nur ein potenzieller Initiator und Aktivator der Gerinnung: "Er fördert offenbar auch die Expression von VEGF (vascular endothelial growth factor) und damit die Angiogenese in den Tumoren", so Rickles.

In einer Studie aus dem Jahre 2008 bestätigte sich außerdem, dass bei der Tumorprogression und -metastasierung ein Vorgang abläuft, der sonst aus der Differenzierung der embryonalen Zellen bekannt ist: die epithelial-mesenchymale Transition (EMT). Sie bewirkt, dass Zellen aus ihrem Zellverband herausgelöst und beweglich werden und ihre Gestalt verändern können. Beim Embryo ist das eine lebensnotwendige Voraussetzung für die Differenzierung verschiedener Gewebe, beim Krebskranken dagegen verhängnisvolle Voraussetzung für die Absiedelung neuer Tumoren an weiteren Körperstellen.

Rickles umriss aber auch den potenziellen Nutzen dieser Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung: "Erhöhte Werte von Tissue Factor können als Marker für besonders aggressive Tumoren, zirkulierende TF-reiche Mikropartikel als prädiktive Marker für venöse Thromboembolien bei Krebspatienten betrachtet werden." Dies sei hilfreich für eine individualisierte Therapie oder Prävention. Krebsmittel könnten zudem direkt auf den Gewebefaktor zielen.

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