Ärzte Zeitung online, 31.08.2009

Hightech im Kampf gegen Krebs

MÜNCHEN (dpa). Die Diagnose Krebs schockiert, obwohl die Chancen auf Heilung bei einigen Tumorarten gestiegen sind. Zu den Therapieformen gehört die hierzulande noch selten genutzte Bestrahlung mit Protonen. Deren Verfechter versprechen eine wirksamere, aber vor allem deutlich schonendere Therapie. Skeptiker bezweifeln allerdings, ob die Methode anderen Formen der Bestrahlung überlegen ist. Vor allem kritisieren sie die hohen Kosten, auch wenn Krankenkassen meistens zahlen.

In der Krebstherapie sei eine Kluft entstanden, meint der Münchner Chirurg Hans Rinecker. "Nämlich eine Differenz zwischen den technischen Möglichkeiten und dem, was am Patienten eingesetzt wird." Seit März betreibt der 67-Jährige das nach seinen Worten erste großklinische Protonenzentrum Europas. Wenn das Rinecker Proton Therapy Center nächstes Jahr mit dann fünf Behandlungsplätzen volle Kapazität erreicht, soll dort Raum für jährlich 4000 Patienten sein. Eine kleine Zahl ist das, wenn man die 436 000 Menschen dagegensetzt, die Jahr für Jahr neu an Krebs erkranken.

Rinecker will in seinem komplett privat finanzierten 170 Millionen Euro teuren Bau einen Kontrapunkt setzen zur gewöhnlichen Bestrahlung von Krebspatienten. Der Standard ist immer noch die Photonentherapie, also die Behandlung mit Röntgen- oder Gammastrahlen, die oft mit Chemotherapie kombiniert wird. Ein Großteil der Energie von Röntgenstrahlen geht knapp unter der Haut verloren, wie Rinecker erläutert. Das Ergebnis: Die gefährlichen Strahlen landen im gesunden Gewebe der Patienten und richten dort Schäden an, während sie dem tiefer liegenden Tumor weniger anhaben.

Dagegen wirken Protonenstrahlen erst im Tumor am stärksten, wie Rinecker sagt. Der Vorteil: Bei gleicher Strahlendosis seien die Nebenwirkungen geringer. Rinecker bezeichnet die Therapie zwar nicht als Wunderwaffe. Doch die Vorteile hätten sich in den USA und in Japan bei 60 000 Patienten gezeigt. In Deutschland fristet die Methode ein Nischendasein. Außer in München gibt es sie derzeit nur in Berlin, dort werden aber nur Augentumore bestrahlt.

Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) sieht bei der Protonentherapie noch einen hohen Forschungsbedarf. Präsidentin Rita Engenhart-Cabillic bezweifelt, dass die Therapie für jede Krebsart gleichermaßen sinnvoll ist. Die DEGRO hält die Methode nur bei einigen wenigen Tumorarten - etwa im Schädelbasis-Bereich - für eine anerkannte Behandlungsform. Auch für Kinder wird sie empfohlen.

Anders sieht es bei Brustkrebs aus, also ausgerechnet bei der Tumorart, an der krebskranke Frauen mit jährlich gut 17 000 Todesfällen in Deutschland am häufigsten sterben. Weil sich Brüste schlecht fixieren lassen, sind Protonenstrahlen kaum treffsicherer als Röntgenstrahlen, heißt es auch vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV).

Das Hauptargument der Skeptiker sind die Kosten. Der Durchschnittspreis für eine konventionelle Strahlentherapie liegt nach Angaben von Engenhart-Cabillic zwischen 2000 und 6000 Euro. Die Protonentherapie im Hause Rinecker schlägt mit rund 18 000 Euro zu Buche. Die hohen Kosten sind wohl auch ein Grund, weshalb der Bau von Protonenzentren in Deutschland bisher nur schleppend vorankam. In Essen, Kiel und Heidelberg werden Projekte seit Jahren verfolgt.

Rinecker relativiert bei den Kosten. "Wenn Sie bei Prostatakrebs für die konventionelle Bestrahlung vielleicht 34 Sitzungen brauchen, während wir 21 machen, dann ist der Preisunterschied nicht mehr so hoch." Außerdem entstünden kaum Kosten für die Nachbehandlung - wegen der niedrigen Nebenwirkungen. Einige Krankenkassen - darunter die AOK - bezahlen die Protonentherapie. Nach Auskunft des GKV-Spitzenverbands ist für die Aufnahme neuer Leistungen in den Katalog der Kassen entscheidend, ob es für Patienten einen Zusatznutzen gibt. Bei der Protonentherapie hänge das von der Krebsart ab.

Stichwort Protonentherapie

Die Protonentherapie ist eine in Deutschland bisher kaum verbreitete Art der Krebsbestrahlung. Dabei dringen Protonen - positiv geladene Elementarteilchen - bis zu 38 Zentimeter tief in den Körper der Patienten ein und sollen dort Tumore zerstören. Im Münchner Protonentherapiezentrum werden die Protonen aus Wasserstoff gewonnen und in einem Teilchenbeschleuniger auf eine Geschwindigkeit von 180 000 Kilometer pro Sekunde beschleunigt - das sind 60 Prozent der Lichtgeschwindigkeit. Durch ein Rohr werden die Strahlen zu den einzelnen Therapieplätzen geführt.

In Hallen hinter den Therapieräumen liegen - für Patienten unsichtbar - riesige Maschinen, aus denen die Protonenstrahlen millimetergenau auf die Tumore geschossen werden. Die "Gantry" genannten Maschinen wiegen jeweils 150 Tonnen und haben einen Durchmesser von elf Metern. Sie können um 360 Grad gedreht werden.

Die Patienten liegen während der rund 60 Sekunden dauernden Bestrahlung auf einer Pritsche, die speziell für sie angefertigt wurde. Diese Spezialliegen sollen sicherstellen, dass die Patienten bei jeder Bestrahlung dieselbe Position haben, der Tumor also immer exakt getroffen wird.

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