Donnerstag, 24. Mai 2012
Ärzte Zeitung online, 06.10.2010

Krebsforscher nehmen verstärkt Stammzellen ins Visier

HEIDELBERG (dpa). Im Kampf gegen Krebs nehmen Forscher verstärkt Stammzellen unter die Lupe. Es mehrten sich die Hinweise, dass die meisten Krebserkrankungen aus Stammzellen entstünden, so der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), Professor Otmar Wiestler.

Krebsforscher nehmen verstärkt Stammzellen ins Visier

Professor Otmar Wiestler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums.

© DKFZ

Wiestler erinnerte daran, dass Stammzellen und Krebszellen Gemeinsamkeiten haben. Beide Zellarten seien wandelbar und könnten sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Zudem seien Gene, die Stammzellen regulieren, häufig auch an der Entstehung von Tumoren beteiligt, so Wiestler zum Abschluss eines Internationalen Symposiums am Dienstag in Heidelberg.

Es gebe bereits "erste Ideen", wie diese Erkenntnisse "in Richtung Medizin getragen werden" könnten, sagte Wiestler zum Abschluss der Tagung "Stammzellen und Krebs" in Heidelberg. Er warnte allerdings auch vor überzogenen Erwartungen: Es werde noch viele Jahrzehnte der Forschung brauchen, "um die Hypothesen, die sich jetzt abzeichnen, erstens zu bestätigen und zweitens dann letztlich auch umzusetzen Richtung medizinische Anwendung".

Stammzellen bleiben im Gegensatz zu vielen kurzlebigen Zellen über Jahre hinweg im Körper. Sie haben die Fähigkeit, sich selbst zu erneuern und kommen in geringer Zahl vor. Von 100 000 Blutzellen sei etwa nur eine einzige eine Stammzelle, erläuterte der Leiter der DKFZ-Abteilung Stammzellen und Krebs, Professor Andreas Trumpp.

Auch Tumoren enthalten unsterbliche Stammzellen

Nach Darstellung der DKFZ-Forscher besitzen viele Tumoren ebenfalls unsterbliche Stammzellen, die ständig neue Krebszellen liefern und vermutlich für die Entstehung von Metastasen verantwortlich sind. Sie reagieren nach Angaben von Trumpp ähnlich wie Stammzellen des gesunden Gewebes kaum auf eine Chemotherapie. Damit sind sie vermutlich ein Grund dafür, dass ein Tumor nach einer Therapie wieder auftreten kann.

Diese Eigenschaft konnten die Forscher bei Blutstammzellen ergründen. Diese sind in einem gesunden Organismus "in einer Art tiefen Ruhephase, oder einem tiefen Schlafzustand", sagte Trumpp. "Mit diesem Schlafzustand geht eine komplette Unempfindlichkeit gegen unsere klassischen Chemotherapien einher." Mit bestimmten Substanzen oder Mechanismen könnten diese Stammzellen jedoch "aufgeweckt" und für eine Chemotherapie sensibilisiert werden. "Das funktioniert in Blutstammzellen relativ effizient." 

Es bestehe deshalb die Möglichkeit, in einem zweistufigen Ansatz - nach der Aktivierung der Stammzellen und einer anschließenden Chemotherapie - auch die unempfindlichen Tumorstammzellen zu eliminieren, so der Wissenschaftler. "Aber dies sind erst die Anfänge."

Nach Angaben des DKFZ kann der Botenstoff α-Interferon die ruhenden Blutstammzellen in einen Zustand versetzen, in dem sie anfällig für Krebsmedikamente sind. Diese Anwendung soll demnächst in einer Studie mit Leukämie-Patienten geprüft werden.

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