Ärzte Zeitung online, 05.01.2011

Gefahr durch Dioxin im Ei? Auf die Belastung kommt es an

Dioxin im Tierfutter und die Quelle ist weiter unbekannt. Verbraucherschützer warnen, Staatsanwälte ermitteln, Behörden versuchen aufzuklären. Doch wie steht es nach dem jüngsten Skandal um die Gefahren für die Gesundheit? Ein Blick auf mögliche Risiken.

Von Thomas Müller

Gefahr durch Dioxin im Ei? Auf die Belastung kommt es an

Dioxin im Ei: Nicht unbedingt ratsam, aber auch nicht akut gefährlich.

© dpa

BERLIN. Mit dem neuesten Lebensmittelskandal kommt wieder einiges an Unappetitlichem aus der Tierhaltung zutage. So hat nach den bisherigen Erkenntnissen ein Betrieb aus Schleswig-Holstein Industriefette zur Tierfutterherstellung verwendet, die explizit nicht dafür geeignet waren.

Über diese Industriefette scheint das Dioxin ins Tierfutter und damit auch in die Eier gelangt zu sein. Woher das Dioxin aber ursprünglich kam, bleibt nach wie vor unklar. So stammten die verwendeten Fette aus Resten der Biodieselproduktion.

Da Biodiesel aber eigentlich nur aus pflanzlichen Ölen bei relativ niedrigen Temperaturen produziert wird, sollte dabei kein Dioxin entstehen. Denn das Supergift bildet sich meist bei der Verarbeitung oder Verbrennung chlorierter Kohlenwasserstoffe, die in der Natur nicht vorkommen.

Experten vermuten daher, dass die Fette auf den verschlungenen und vermutlich nicht mehr so richtig nachvollziehbaren Transportwegen von der Biodiesel- bis zur Tierfutterproduktion kontaminiert wurden. Hier verfolgt die Staatsanwaltschaft mehrere Spuren.

Erschwert wird die Spurensuche auch dadurch, das Dioxin inzwischen in kleinsten Mengen fast überall in der Umwelt nachweisbar ist - auch in Nahrungsmitteln.

So nimmt jeder Bundesbürger nach Daten einer Analyse der Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Dioxine" aus den Jahren 2000 bis 2003 im Schnitt pro Tag 2 Pikogramm (billionstel Gramm) pro Kilogramm Körpergewicht (kg KG) an Dioxinen auf.

Damit erreicht jeder Bürger auch schon ohne den Verzehr von Dioxin-Eiern die Hälfte der täglich tolerierbaren Aufnahmemenge (TDI), die von der WHO auf 4 Pikogramm pro kg KG festgelegt wurde, oder den EU-Grenzwert von nur 2 Pikogramm.

Die entscheidende Frage ist nun, ob die dioxinkontaminierten Eier die Belastung nennenswert steigern und ein Risiko für die Gesundheit darstellen. Hierzu hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin bereits im Frühjahr 2010 eine Bewertung abgegeben. Schon damals waren in Deutschland und den Niederlanden dioxinbelastete Eier aufgetaucht.

Der gemessene Spitzenwert der Belastung lag damals bei knapp 14 Pikogramm Dioxin-Äquivalenten pro Gramm Fett im Ei. Zum Vergleich: Beim aktuellen Skandal wurden bisher maximal 12 Pikogramm pro Gramm Ei-Fett aufgespürt, teilte das BfR auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" mit. Erlaubt sind maximal 3 Pikogramm. Der Wert in den Eiern war also bis um den Faktor 4 erhöht.

Das BfR ging nun in seiner Bewertung von einem Worst-Case-Szenario aus. Betrachtet wurde das Schicksal von Eier-Liebhaber, die im Schnitt täglich zwei oder mehr Eier konsumieren - das sind nur fünf Prozent der Bevölkerung. Angenommen wurde zudem, dass die Eier alle die gemessene Spitzenbelastung aufweisen.

In einem solchen ungünstigen Fall kommt es zu einer täglichen Mehrbelastung von knapp 4 Pikogramm Dioxin pro kg KG. Die Gesamtbelastung steigt damit auf 6 Pikogramm pro kg KG und liegt damit etwas über dem WHO-Grenzwert.

Für die meisten Konsumenten, die jetzt unbemerkt dioxinhaltige Eier verzehrt haben, dürfte die Belastung jedoch deutlich geringer sein. So isst jeder Bürger im Schnitt nur 0,6 Eier pro Tag, eihaltige Produkte wie Nudeln und Gebäck eingeschlossen.

Die zusätzliche Belastung bei einem solchen Eierkonsum liegt maximal bei 1 Pikogramm pro kg KG, die Gesamtbelastung bleibt damit zumindest unter dem WHO-Grenzwert. Oder anders ausgedrückt: Gelegentlich ein Dioxin-Ei ändert nun wenig an der Dioxin-Bilanz.

Doch selbst wenn der WHO-Grenzwert für die tägliche Aufnahme für eine gewisse Zeit leicht überschritten wird, besteht damit nicht automatisch eine Gesundheitsgefahr: Die Konzentrationen, ab denen im Tierversuch erste Schäden beobachtet wurden, liegen in der Regel um den Faktor 50 bis 100 über dem Grenzwert für Menschen.

Das Fazit des BfR auch zum aktuellen Skandal: Eine akute Gesundheitsgefahr für Verbraucher besteht nicht. Trotzdem hat das Gift nichts in Eiern oder anderen Nahrungsmitteln zu suchen.

Grenzwerte für Dioxin

Dioxine bilden eine Gruppe chemisch verwandter und teilweise extrem giftiger Substanzen, die ungewollt bei der Herstellung, Verarbeitung und Verbrennung von chlorierten Kohlenwasserstoffen entstehen, etwa bei der Synthese von Pestiziden oder beim Verbrennen von Kunststoffen wie PVC.
Akut schädigen Dioxine vor allem Leber und Schilddrüse, gefürchtet sind aber vor allem langfristige kanzerogene Effekte. Bekanntester Vertreter ist das "Seveso-Dioxin" 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin, das bei einem Chemie-Unglück 1976 in Italien mehrere hundert Menschen verletzte.
Das danach benannte Seveso-Dioxin gilt in der Toxikologie als Leitsubstanz für Dioxine: Die Giftigkeit eines Dioxin-Gemisches wird in Äquivalenten dieses Toxins bestimmt. Der Grenzwert für Nahrungsmittel liegt bei 3 Pikogramm pro Gramm Fett. Das bedeutet: Die Giftigkeit der nachgewiesenen Dioxin-Menge muss unter der von 3 Pikogramm Seveso-Dioxin liegen.
Die WHO rät dazu, täglich nicht mehr als 4 Pikogramm Dioxin pro kg KG aufzunehmen, nach Möglichkeit aber weniger als 1 Pikogramm. Vom Nahrungsmittelkomitee der EU wurde eine maximale Wochendosis von 14 Pikogramm pro kg KG festgelegt, was nur 2 Pikogramm pro Tag entspricht.
Dieser Wert wird meist schon durch die Hintergrundbelastung in der Nahrung erreicht. In Langzeitversuchen bei Tieren traten erste Schäden durch Dioxin bei Dosierungen auf die - auf den Menschen bezogen - im Bereich von täglich 150 bis 200 Pikogramm pro kg KG lagen.

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