Ärzte Zeitung online, 29.07.2011

Parvovirus soll sich als Tumorkiller behaupten

HEIDELBERG (gvg). Viren können Krebs verursachen. Aber können sie ihn auch bekämpfen? Am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg soll demnächst eine Studie starten, bei der ein Virus zum Einsatz kommt, das Krebszellen und nur diese vernichtet.

Parvovirus soll als Tumorkiller in klinische Studie gehen

Parvovirus: Seine Fähigkeit im Kampf gegen Krebs soll er jetzt unter Beweis stellen.

© Sebastian Schreiter / Springer

Dass Masernviren in Einzelfällen einen hemmenden Einfluss auf das Tumorwachstum haben können, wurde bereits in den 70-er Jahren beobachtet.

Später gab es ähnliche Berichte auch für andere Viren, darunter Polio- und Herpesviren. Therapeutische Konzepte ließen sich daraus nicht ableiten, weil all diese Viren nicht tumorspezifisch sind.

Mittlerweile kennt man aber auch einige Viren, die aus oft nicht völlig geklärten Gründen tatsächlich tumorspezifisch sind: "Das Parvovirus H-1PV beispielsweise vermehrt sich ausschließlich in Tumorzellen und kann diese lysieren", betonte Professor Jörg Schlehofer, Leiter der Sektion Tumorvirologie am DKFZ.

Eine darauf aufbauende Therapie sei unter anderem deswegen attraktiv, weil kaum andere Zellen in Mitleidenschaft gezogen würden, so Schlehofer.

Virus vermehrt sich im Tumorgewebe

In präklinischen Studien bei Glioblastom-Modellen hat das H-1PV-Virus, das in der Natur in Ratten vorkommt, ohne dort Erkrankungen zu verursachen, bereits aufhorchen lassen.

"Wir haben es sowohl systemisch als auch direkt in den Tumor injiziert und dabei komplette Remissionen beobachtet", so Schlehofer.

Die Virusvermehrung im Tumorgewebe konnte dabei eindeutig nachgewiesen werden. Das angrenzende Hirngewebe dagegen blieb virusfrei. Ähnliche Effekte konnten auch bei Mäusen beobachtet werden, denen menschliches Glioblastomgewebe transplantiert worden war.

"Wir wollen das Virus jetzt in einer ersten Phase I/IIa-Studie bei Glioblastom-Patienten evaluieren", betonte Schlehofer bei einer Veranstaltung von DKFZ und dem Europäischem Labor für Molekularbiologie (EMBL).

In den 90er Jahren war H-1PV in Frankreich bereits einmal bei einigen Krebspatienten in Hautmetastasen injiziert worden. "Dabei wurde keinerlei Toxizität beobachtet, doch der Ansatz wurde nicht weiter verfolgt", so Schlehofer.

Forscher planen Studien bei Glioblastom-Patienten

Ein Problem ist die Applikation. Denn das Virus fühlt sich im Menschen nicht wirklich zu Hause. Bei der Heidelberger Studie, zu der das Paul Ehrlich Institut (PEI) noch seine endgültige Zustimmung erteilen muss, soll das Virus bei Patienten mit fortgeschrittenem Glioblastom im WHO-Stadium IV nach der Operation in unterschiedlichen Konzentrationen in die Op-Höhle eingebracht werden.

Bei einem Teil der Patienten wird es zusätzlich in den zehn Tagen vor der Operation intravenös injiziert. Grundsätzliche Einwände habe das PEI in einer ersten Stellungnahme nicht gehabt, so der Virologe. "Wir hoffen, dass wir in den nächsten Monaten starten können."

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