Kongress, 24.02.2012

Chemo im Alter geht nur individuell

Fitte alte Menschen mit metastasiertem kolorektalem Karzinom profitieren in ähnlichem Umfang von einer Chemotherapie wie jüngere Patienten. Bei der adjuvanten Therapie müssen Nutzen und Risiko sorgfältig abgewogen werden.

Chemo im Alter geht nur individuell

Welche Chemo ist bei einem Krebskranken die optimale? Die Frage muss für jeden älteren Patienten neu beantwortet werden.

© Gina Sanders / fotolia.com

Anders als beispielsweise bei akuten Leukämien unterscheide sich beim kolorektalen Karzinom (CRC) die Biologie der Erkrankung bei älteren Menschen nicht von der bei jüngeren, betonte Privatdozent Friedemann Honecker vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf beim 30. Deutschen Krebskongress in Berlin.

Und auch die Effektivität der standardmäßigen Chemotherapie-Kombinationen beim CRC sei bei älteren Patienten ähnlich ausgeprägt wie bei jüngeren, wie zahlreiche Auswertungen entsprechender Subpopulationen in den großen CRC-Studien mit 5-Fluorouracil (5-FU), Oxaliplatin, Irinotecan und EGFR-Inhibitoren gezeigt hätten.

Allerdings: An diesen Studien nehmen in der Regel keine gebrech lichen alten Menschen teil, sondern eher die "fitteren Älteren", die keine Ausschlusskriterien wie einen reduzierten Performance-Status oder multiple Begleiterkrankungen aufweisen.

Bei älteren Menschen mit reduziertem Allgemeinzustand müsse dagegen mit einer größeren Toxizität und einer insgesamt geringeren Effektivität gerechnet werden, so Honecker.

Spezifisch untersucht wurde das in der britischen, randomisiert-kon trollierten FOCUS2-Studie, die der Experte im Detail vorstellte. Teilgenommen haben 459 alte, teilweise gebrechliche Patienten mit metastasiertem CRC, bei denen eine voll dosierte Kombinationschemotherapie nicht in Frage kam.

In einem 2 x 2-Faktorial-Design wurden infusionales 5-FU und Capecitabin mit und ohne Oxaliplatin verglichen, wobei die Anfangsdosis zunächst bei 80 Prozent der üblichen Dosis lag und nur bei guter Verträglichkeit gesteigert werden konnte.

Die Ergebnisse waren teilweise unerwartet: "Es zeigte sich kein Unterschied bei der Lebensqualität zwischen Capecitabin und 5-FU. Bei Hinzunahme von Oxaliplatin dagegen war die Lebensqualität nach 12 Wochen höher, weil die Patienten weniger Tumorsymptome hatten."

Beim progressionsfreien Überleben zeigte sich ein Trend zugunsten von Oxaliplatin, der das Signifikanz niveau knapp verfehlte. Das Gesamtüberleben unterschied sich nicht.

Vor dem Hintergrund dieser und einiger anderer klinischer Daten plädierte Honecker dafür, alte Patienten mit CRC in drei Gruppen einzuteilen. "Fitte" alte Patienten können genauso behandelt werden wie jüngere Krebspatienten mit metastasiertem CRC, also mit voll dosierten Kombinationstherapien.

Bei sehr gebrech lichen alten Patienten sollten dagegen Supportivmaßnahmen ausgeschöpft und über eine zytostatische Therapie nur dann nachgedacht werden, wenn realistische Aussichten auf eine Besserung des Allgemeinzustands bestehen.

Dazwischen gibt es eine Gruppe von Patienten mit leicht bis mäßig eingeschränktem Allgemeinzustand, bei der eine Kombinationstherapie mit 80 Prozent der üblichen Dosierung sinnvoll sein kann.

Wichtig sei, bei der Beurteilung alter CRC-Patienten nicht Komorbiditäten und All gemeinzustand in einen Topf zu werfen. Begleiterkrankungen alleine seien bei gutem Allgemeinzustand kein Grund für Abstriche an der zytostatischen Therapie, so der Experte.

Bei der adjuvanten Therapie sind im Alter dagegen etwas mehr Abstriche zu machen, wie Privatdozent Gunnar Folprecht vom Universitätsklinikum Dresden betonte.

Bisher verfügbare Daten deuteten darauf hin, dass Oxaliplatin-haltige Therapien in der Adjuvanz bei CRC-Patienten im Stadium III keinen messbaren Vorteil bei älteren Menschen brächten. Folprecht: "In den Leitlinien wird deswegen empfohlen, Oxa liplatin nur mit Vorsicht einzusetzen."

Im Stadium II ist er hinsichtlich des Nutzens einer adjuvanten Therapie bei älteren Menschen generell skeptisch. Hier werde das 5-Jahres-Überleben mit bisherigen Regimes in der Gesamtpopulation um drei Prozent verlängert.

Bei einem 40-jährigen Patienten bedeutet das im Mittel knapp ein Jahr und damit einen relevanten Zeitraum. Bei einem 72-Jährigen dagegen errechneten sich im Mittel wenige Wochen, bei älteren Patienten noch weniger. "Ob das sinnvoll ist, sei dahingestellt", so Folprecht. (gvg)

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