Ärzte Zeitung, 24.03.2014

DGIM-Kongress

"One pill fits all" gilt nicht mehr

Wie sehr die Innere Medizin in den letzten Jahren und Jahrzehnten von Grundlagenforschung profitiert hat, macht etwa die personalisierte Medizin deutlich.

WIESBADEN. "Forschung wird zu Medizin" - mit diesem Leitthema auf ihrem Jahreskongress vom 26. bis 29. April in Wiesbaden will die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) deutlich machen, wie sehr die Innere Medizin in den letzten Jahren und Jahrzehnten von medizinischer Grundlagenforschung profitiert hat.

Die individualisierte bzw. personalisierte Medizin repräsentiert diesen Fortschritt. Das Schlagwort "one pill fits all" ist überholt; moderne Medizin ist komplizierter und stellt die Individualität des Patienten in den Fokus, sagte Kongresspräsident Professor Michael Peter Manns aus Hannover bei einer Pressekonferenz der DGIM in Berlin.

Vor allem in der Onkologie wird das Konzept der personalisierten Medizin intensiv vorangetrieben. Durch das immer bessere Verständnis der Krebspathogenese, insbesondere der zugrunde liegenden genetischen Störungen, die zu dauerhaft aktivierten Wachstumssignalen führen, konnten neue therapeutische Werkzeuge entwickelt werden, die genau diese Wachstumssignale hemmen (small molecule) bzw. deren Rezeptoren blockieren (Antikörper).

Hauptvorteil im Vergleich zur unspezifischen Chemotherapie ist die deutlich geringere Rate an Nebenwirkungen. In einigen Jahrzehnten dürfte die targeted therapy bei den meisten Krebsarten die Chemotherapie weitgehend ersetzen, prognostizierte Professor Michael Hallek aus Köln.

Zwangsläufig rücken angesichts der zunehmenden Palette an innovativen und teuren Wirkstoffen - nicht nur in der Onkologie, sondern zum Beispiel auch bei Hepatitis C oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen - die Kosten der Therapie und die Auswahl der Patienten für diese Arzneimittel in den Vordergrund.

"Es geht darum, für den individuellen Patienten die richtige Therapie zum richtigen Zeitpunkt festzulegen", so Manns. Nach seiner Ansicht sollten die sehr teuren Medikamente künftig nicht von allen Ärzten, sondern nur von solchen mit einer speziellen Qualifikation verschrieben werden dürfen.

Die direct acting antivirals (DAA) für die Hepatitis C-Therapie - eine 12-wöchige Therapie kostet rund 60.000 Euro - sollten zum Beispiel bevorzugt bei HCV-Patienten mit hohem Progressionsrisiko eingesetzt werden, so der Gastroenterologe.

Droht künftig eine Zwei-Klassen-Medizin, in der Kassenpatienten auf innovative Therapien verzichten müssen? Hallek hält diese Perspektive einer modernen Gesellschaft für unwürdig. "Wir müssen Mittel und Wege finden, allen unseren Patienten die besten Therapien zur Verfügung zu stellen", sagte er. (rf)

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