Ärzte Zeitung, 22.12.2015

Auch nach "Heilung"

Früher Krebs erschwert das ganze Leben

Jugendliche, die eine Krebserkrankung überleben, bleiben den Rest des Lebens anfällig für schwere Erkrankungen. Sie müssen rund 40 Prozent häufiger in Kliniken behandelt werden als Altersgenossen ohne frühe Tumoren, zeigt eine dänische Studie.

Von Thomas Müller

Früher Krebs erschwert das Leben

Vor allem für Patienten, die im Jugendalter an Leukämie erkrankt waren, stieg das Risiko für eine Klinikeinweisung.

© Frantab / fotolia.com

KOPENHAGEN. Über die Spätfolgen einer Krebserkrankung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist wenig bekannt.

Nach einer dänischen Registerstudie haben Betroffene noch Jahrzehnte später mit den Folgen der Krebserkrankung zu kämpfen: Verglichen mit der übrigen Bevölkerung entwickeln sie deutlich häufiger erneut Tumoren, kardiovaskuläre Erkrankungen sowie ernsthafte Probleme mit den Atemwegen und dem Verdauungstrakt.

Forscher um Dr. Kathrine Rugbjerg und Dr. J¢rgen Olson vom Krebsforschungszentrum in Kopenhagen kommen zu diesem Schluss, nachdem sie Angaben von über 33.500 Patienten mit einer ersten Tumordiagnose im Alter von 15-39 Jahren ausgewertet hatten (JAMA Oncol 2015; online 19. November).

Die Daten gehen bis ins Jahr 1943 zurück - dank der umfassenden dänischen Kranken- und Bevölkerungsregister konnten die Forscher das weitere Schicksal solcher Personen zum Teil über 70 Jahre hinweg analysieren. Im Schnitt lag die Nachbeobachtungsdauer jedoch bei nur 14 Jahren.

53.000 Klinikeinweisungen

Die Forscher um Rugbjerg und Olson interessierten sich in ihrer Analyse ausschließlich für Klinikaufenthalte aufgrund körperlicher Probleme, die mindestens fünf Jahre nach der Tumordiagnose aufgetreten waren.

Als Vergleichsgruppe ordneten sie jedem der Tumorpatienten fünf Personen aus der dänischen Bevölkerung mit demselben Geburtsjahr und Geschlecht zu. Voraussetzung war, dass die Kontrollpersonen bis zum Zeitpunkt der Tumordiagnose des Krebspatienten selbst noch nicht an einem Tumor erkrankt waren.

So konnten sie feststellen, ob Patienten mit frühen Tumorerkrankungen später häufiger in Kliniken mussten und weshalb.

Das Ergebnis war eindeutig: In der Gruppe der Tumorpatienten wurden über 53.000 Klinikeinweisungen registriert - das sind rund 1,6 pro Person. In der Kontrollgruppe waren es lediglich 1,1 pro Person.

Bezogen auf die Zahl der analysierten Personenjahre war die Rate von Klinikeinweisungen bei den Tumorpatienten damit 38 Prozent höher als in der Kontrollgruppe. Auch starben deutlich mehr: 31 Prozent der Tumorpatienten, aber nur 18 Prozent der Kontrollpersonen.

Mit dem Alter schwächen Folgen der Tumorerkrankung ab

Absolut betrachtet war für die Tumorpatienten die Inzidenz von Klinikeinweisungen um 3 Prozent pro Jahr erhöht. Mit dem Alter schwächen sich die Folgen der Tumorerkrankung offenbar ab.

Wer einige Jahrzehnte nach der Krebsdiagnose noch am Leben ist, hat nach diesen Resultaten kaum noch ein höheres Risiko für einen Klinikaufenthalt als der Rest der Bevölkerung.

Im Alter sind schwere Erkrankungen jedoch insgesamt häufiger, daher fallen die Folgen der frühen Tumorerkrankung relativ betrachtet wohl nicht mehr so stark ins Gewicht.

Gleichwohl machen sich die Unterschiede auch im hohen Alter in absoluten Zahlen noch bemerkbar: So wurden bei den ehemaligen Tumorpatienten im Alter von 70-79 Jahren insgesamt 4000 Klinikaufnahmen mehr beobachtet als erwartet, bei den 40- bis 49-Jährigen waren es dagegen nur 2200 mehr.

Das Risiko für eine Klinikeinweisung war bei den jüngeren jedoch um rund 30 Prozent, bei den älteren nur noch um rund 25 Prozent erhöht.

Am stärksten setzte die Tumorerkrankung Leukämiepatienten zu. Bei ihnen war die Rate für eine Klinikeinweisung fünf Jahre nach der Tumordiagnose mehr als verdoppelt, bei Patienten mit Hirntumoren war sie doppelt so hoch und bei Lymphomen um 60-90 Prozent erhöht. Deutlich weniger erhöht war die Rate bei anderen soliden Tumoren, am geringsten bei malignen Melanomen (plus 11 Prozent).

In absoluten Zahlen mussten die ehemaligen Tumorpatienten am häufigsten wegen Herzkreislauferkrankungen in die Klinik (knapp 9000 Einweisungen), gefolgt von Problemen mit den Verdauungsorganen (7800 Einweisungen) und dem Urogenitalsystem (6500 Aufenthalte).

Relativ betrachtet war aber das Risiko für Erkrankungen des blutbildenden Systems am höchsten (plus 100 Prozent), gefolgt von Infekten (69 Prozent) und erneuten malignen Tumoren (63 Prozent).

Spätfolgen ungenau wiedergegeben

Zum Teil lässt sich das erhöhte Risiko für schwere Erkrankungen auf die Therapie zurückführen, vermuten Onkologen um Dr. Karen Effinger von der Stanford University in einem Editorial.

So hatte rund die Hälfte in der Tumorgruppe einen Zervix-, Hoden- oder Brusttumor, der häufig eine Bestrahlung des Brust- und Beckenbereichs nach sich zog.

Dies könnte sowohl die Anfälligkeit für Erkrankungen des Verdauungs- und Urogenitaltraktes erklären als auch das um etwa 50 Prozent erhöhte Risiko für respiratorische Leiden.

Die Ärzte um Effinger geben jedoch zu bedenken, dass die Zahl der Klinikaufenthalte nur recht ungenau die Spätfolgen einer Tumorerkrankung wiedergibt, die meisten der gesundheitlichen Probleme dürften ambulant angegangen werden.

Auf der anderen Seite ist nach fünf Jahren die Krebserkrankung oft noch nicht überwunden. Ein Teil der Klinikeinweisungen - gerade in der ersten Dekade nach der Diagnose - könnten folglich durch Tumorrezidive bedingt sein.

[22.12.2015, 15:21:23]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Für junge Erwachsene gilt Ähnliches!
Musterbeispiel für derartige "Krankheits-Karrieren" auch bei Tumor-Erstmanifestationen im jungen Erwachsenen-Alter ist meine heute 58-jährige Patientin. Sie erkrankte 1982 mit 25 Jahren an einem Hodgkin-Lymphom (HL) vom nodulär-sklerosierenden Typ. Damals wurden die Milz operativ entfernt und eine Ganzkörper-Radiatio durchgeführt. Es dauerte sehr lange, bis sie sich von diesen einschneidenden Lebensereignissen erholt hatte.

Anfang 2009, mit 42 Jahren, erkrankte sie an einem duktal-invasiven Mammakarzinom links. Ich erinnere mich noch genau, wie ich sie gegen alle ihre Widerstände über Wochen und Monate beschwor, sich doch therapieren und operieren zu lassen. Sie war auf Grund ihrer HL-Erfahrungen immer noch so schwer traumatisiert, dass sie sich nicht zur OP in einem zertifizierten Brustzentrum entscheiden wollte. Zunächst wurde bei Tumorstadium cT2-3 cN0 M0 G3 über einen Port eine präoperative, neoadjuvante Chemotherapie eingeleitet, um am 1.10.2009 eine Mamma-Segmentresektion durchzuführen. Unter der nachfolgenden Bestrahlungstherapie trat erfreulicherweise eine Vollremission auf.

2015 wurde bei der Patientin bei unklaren Lymphknotenvergrößerungen in der Leiste und dem rechten Unterbauch ein SALT-Lymphom (Skin-Associated-Lymphoid-Tissue) als Sonderform eines Non-Hodgkin-Lymphoms (NHL), auch als Lymphom des Kutis-assoziierten lymphatischen Gewebes [SALT-Lymphom] ICG-10 GM C88.40+G klassifiziert, festgestellt. Derzeit ist der Befund halbwegs stabil. Aber sind weitere, neue Tumorentitäten ausgeschlossen?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

"GOÄ-Novelle bis Ende 2017 ist sportliches Ziel"

Wann kommt die neue GOÄ? Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" verrät GOÄ-Verhandlungsführer Dr. Reinhard genaueres. mehr »

"Harte Hand" schadet dem Schulerfolg

Den Lebenswandel eines Kindes kann ein sehr strenges Elternhaus negativ beeinflussen, belegt eine Studie. mehr »