Ärzte Zeitung online, 19.03.2010

Bundesweit fast 1900 Lungenkrebs-Tote wegen Radon-Belastung in Gebäuden

ERLANGEN (dpa). Fast 1900 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland, weil sie in Gebäuden das radioaktive Gas Radon einatmen. Zu diesem Ergebnis kommen Erlanger Umweltmediziner nach einer Auswertung weltweiter Studien zur Radon-Belastung.

Etwa fünf Prozent aller Lungenkrebs-Todesfälle in Deutschland gehen auf das Konto einer erhöhten Radon-Belastung, schreiben die Forscher in einem Beitrag (Deutsches Ärzteblatt 107, 2010, 181).

"Radon ist damit nach dem Zigarettenrauchen die zweitwichtigste Ursache für Lungenkrebserkrankungen", erläutern die Wissenschaftler. Selbst Asbest und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe stellten ein geringeres Lungenkrebsrisiko dar. Die Radon-Belastung sollte daher in Innenräumen 100 Becquerel pro Kubikmeter Raumluft nicht übersteigen, fordern Klaus Schmid und Hans Drexler vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Uni Erlangen in ihrem Beitrag. Unterstützt wurden ihre Untersuchungen von Thorsten Kuwert von der Klinischen Nuklearmedizin der Uni.

Radon-Gase gelangten in der Regel aus dem Untergrund in Gebäude und konzentrierten sich dort. Während etwa in der Außenluft Radonwerte zwischen 1 und 15 Becquerel pro Kubikmeter gemessen worden seien, liege die Konzentration in Innenräumen bei durchschnittlich 49 Becquerel. In 36 Prozent aller überprüften Gebäude in Deutschland habe die Konzentration der Raumluft höher als 100 Becquerel gelegen, in 18 Prozent der Fälle höher als 200 Becquerel, berichten die Erlanger Umweltmediziner.

Wie stark die Belastung sei, hänge sowohl von der geologischen Beschaffenheit des Untergrunds als auch von der Bauweise und dem Luftaustausch im Gebäude ab. Wegen der unterschiedlichen geologischen Bedingungen sei auch die regionale Belastung verschieden hoch. Besonders groß sei sie im Erzgebirge, in Teilen des bayerischen Alpen- und Voralpenraums, der Region nördlich von München und im südlichen Schwarzwald. Auf vergleichsweise geringe Radon- Konzentrationen seien Wissenschaftler im Rhein-Main-Gebiet, weiten Teilen Württembergs, in Brandenburg und in der norddeutschen Tiefebene gestoßen.

Nach Feststellungen der Mediziner wird die Bronchialschleimhaut beim Einatmen von radonbelasteter Luft einer starken Alpha-Strahlung ausgesetzt. Dies könne zu DNA-Schäden führen, wodurch wiederum Tumore verursacht werden könnten.

Als Konsequenz fordert das Forscher-Trio "radonsichere" Neubauten; die Radon-Belastung sollte dort unter 100 Becquerel liegen. Bei Sanierungen müssten Gebäudefundamente und Kellerwände besser abgedichtet werden, um ein Eindringen des radioaktiven Gases zu verhindern. Manchmal könne auch das Absaugen des Gases unterhalb der Bodenplatte notwendig sein, empfehlen die Wissenschaftler. "Obwohl die Vermeidung und die Verhinderung der Radon-Belastung in Innenräumen Teil eines Aktionsprogramms Umwelt und Gesundheit sind, konnte ein Radonschutzgesetz in Deutschland bisher nicht verabschiedet werden", bedauern die Umweltmediziner. In Deutschland gingen frühere, aber überholte Schätzungen von jährlich rund 3000 Lungenkrebs-Todesfällen durch Radon aus.

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