Ärzte Zeitung online, 01.07.2009

Durchbruch bei der Behandlung von Gebärmutterhalskrebs

LEIPZIG (eb). Eine an der Universität Leipzig entwickelte neue Operationsmethode, die totale mesometriale Resektion (TMMR), ermöglicht eine sichere und schonende Behandlung des Gebärmutterhalskrebses. Grundlage dafür sind Erkenntnisse Leipziger Forscher zur Ausbreitung des Tumors entsprechend seiner embryonalen Herkunft.

Studienergebnisse zeigen, dass die neue Behandlung nicht nur schonender ist als die bislang übliche, sondern auch keine nachfolgende Strahlentherapie mehr erfordert (The Lancet Oncology 10:7, 2009, 683). Die TMMR-Operation wurde entwickelt von Professor Michael Höckel, Direktor der Universitätsfrauenklinik Leipzig.

Die neue Operationsmethode basiert maßgeblich auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen bezüglich der Beckenanatomie der Frau sowie der Tumorausbreitung im menschlichen Gewebe innerhalb eines anatomischen Kompartiments. Das lokale Ausbreitungsgebiet des Tumors wird demnach aus der Embryonalentwicklung determiniert. Folglich breitet sich der Krebs nicht einfach räumlich aus, sondern wächst in den Gewebestrukturen, aus denen er embryonal hervor gegangen ist. Obwohl es keine mechanische Trennwand gibt, wird die angrenzende Harnblase aus diesem Grund während der frühen Karzinomausbreitung nicht vom Gebärmutterhalskrebs befallen. Auf der anderen Seite kann ein anderes Gewebe vom Tumor infiltriert werden, obwohl es lokal weiter vom Tumorgeschehen entfernt ist, jedoch derselben embryonalen Struktur angehört.

Professor Höckel und sein Team entfernen den Gebärmutterhalskrebs nun konsequent in seinen anatomischen Kompartimenten. Es werden dadurch artfremdes Gewebe wie Harnblase, Enddarm und angrenzende Nerven verschont.

Die TMMR-Operation ist aber nicht nur schonender, sondern wegen ihrer neuen Radikalität auch sicherer. Mit einer Heilungsrate von 97 Prozent (früher 80 bis 85 Prozent) wird der bisherige Behandlungsstandart weit übertroffen. Bei der neuen Operationstechnik wird konsequent das gesamte kranke und für den Befall geeignete Gewebe entfernt, was eine Nachbehandlung durch Strahlentherapie überflüssig macht.

Jährlich erkranken in Deutschland nach Angaben des Krebsregisters etwa 6200 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Die im 19. Jahrhundert entwickelte Operationstechnik nach Wertheim gilt bis heute als Goldstandard zur operativen Behandlung des Gebärmutterhalskrebses. Allerdings birgt diese Operationstechnik zwei Probleme: Weil der Tumor mit viel Sicherheitsabstand entfernt wird, werden häufig Nerven verletzt, die die Blasen-, Enddarm- und Vaginalfunktionen regulieren, und es ist eine begleitende Strahlentherapie erforderlich, die zu erheblichen Nebenwirkungen führen kann.

Die totale mesometriale Resektion erweist sich in Hinblick auf ihre neue Radikalität als bahnbrechende Innovation der operativen Therapie.

Zum Abstract der Originalarbeit "Resection of the embryologically defined uterovaginal (Müllerian) compartment and pelvic control in patients with cervical cancer: a prospective analysis"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »