Ärzte Zeitung, 25.08.2004

HINTERGRUND

Melanome sind an Oberkörper und Beinen am häufigsten - das liegt offenbar am Freizeitverhalten

Von Philipp Grätzel von Grätz

Zuviel Sonne erhöht das Risiko, an Hautkrebs zu erkranken. Das weiß heute fast schon jedes Kind. Doch hinter dieser pauschalen Aussage stehen komplexe Sachverhalte. Über die vielgestaltigen Wirkungen, die das Sonnenlicht auf die verschiedenen Zelltypen der Haut und auf deren Tendenz zur Ausbildung bösartiger Tumore hat, ist längst nicht alles bekannt.

Bei Frauen sind vor allem die Beine betroffen

Das gilt vor allem für die bösartigste aller Hautkrebsformen, für das Melanom. Epitheliale Tumore der Haut, zum Beispiel das Plattenepithelkarzinom oder das Basalzellkarzinom, sind eindeutig auf jenen Hautpartien häufiger, die der Sonne stärker ausgesetzt sind als andere Hautpartien. Das gilt nicht für Melanome. Bei Männern sitzen fast die Hälfte aller Melanome am Oberkörper. Bei Frauen sind vor allem die Beine betroffen. Erst danach kommt jeweils die dem Sonnenlicht am stärksten ausgesetzte Kopf- und Halsregion.

UV-Exposition und Gene bestimmen das Krebsrisiko

Für Privatdozent Andreas Blum aus Konstanz ist das Sonnenlicht trotzdem auch beim malignen Melanom zusammen mit genetischen Faktoren der wichtigste Risikofaktor. Dafür gebe es eine ganze Reihe von Indizien, wie Blum in einem Beitrag in der Zeitschrift "Der Onkologe" schreibt (10, 2004, 688).

So sei ein Melanom umso wahrscheinlicher, je heller der Pigmentierungstyp eines Menschen ist. "Auch nimmt bei Personen europäischer Abstammung die Inzidenz von Melanomen mit der Nähe des Wohnorts zum Äquator und damit mit höherer UV-Einstrahlung zu", berichtet Blum.

Epidemiologische Migrationsstudien liefern die gleichen Hinweise: Einwanderer, die aus Ländern mit niedriger ultravioletter Strahlung in solche mit höherer UV-Strahlung kommen, haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Melanoms. "Dieser Effekt wurde für die Südstaaten der USA, für Australien und für Israel beschrieben", so Blum.

Warum aber sind Melanome nicht im Gesicht oder am Nacken am häufigsten, sondern an Oberkörper und Beinen? Warum haben einige Untersuchungen ergeben, daß bei Landbewohnern das Risiko, ein malignes Melanom zu entwickeln, geringer ist bei Stadtbewohnern? Eine endgültige Antwort auf diese Fragen gibt es noch nicht.

"Ein erhöhtes Risiko für ein Melanom ist offenbar nur mit einer bestimmten Art von Sonnenexposition verbunden", sagt Blum. So seien der Oberkörper bei Männern und die Beine bei Frauen Hautregionen, die in den vergangenen Jahrzehnten durch eine Veränderung der Freizeit- und der Bekleidungsgewohnheiten vermehrt dem Sonnenlicht ausgesetzt wurden.

Stark erhöht sei das Risiko auch bei Wassersportlern. So werde spekuliert, daß es vor allem problematisch ist, wenn Personen sonst nicht dem Licht ausgesetzte Körperregionen wiederholt und für relativ kurze Zeit durch starke UV-Strahlung belasten. Das wäre zum Beispiel bei Menschen der Fall, die die ganze Woche über im Büro arbeiten und dann im Urlaub oben ohne durch die Tropen reisen oder an den Wochenenden Wasserski fahren.

Dr. Jürgen Bauer von der Universitäts-Hautklinik Tübingen warnt allerdings davor, diese Differenzierung zu weit zu treiben: "Es ist möglich, daß eine kurzzeitige, intensive Sonneneinstrahlung die Zahl der genetischen Mutationen besonders stark erhöht und deswegen schädlicher ist als eine langsame Bräunung", sagte der Dermatologe im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Doch er gibt auch zu bedenken, daß die meisten Untersuchungen, in denenen sich eine sanften Bräunung günstiger auf das Melanom-Risiko auswirkte, statistisch sehr problematisch seien.

Je mehr Sonne, umso mehr Leberflecken bei Kindern

In einer eigenen, prospektiven Studie fand Bauer bei einer Gruppe von insgesamt 1800 Kindern, die er über drei Jahre beobachtete, heraus, daß mit der Intensität und Dauer der Sonneneinstrahlung auch die Zahl der Leberflecken stieg. "Und je mehr Leberflecken ein Kind hat, desto mehr Melanome entwickeln sich später", so Bauer.

Ferien im Süden sind ein Risikofaktor für Leberflecken

Signifikante Risikofaktoren für die Entwicklung von Leberflecken waren in Bauers Studie außer einem hellen Hauttyp auch Ferien in südlichen Ländern, Sonnenbrände und das Spielen im Freien. Die These, daß eine sanfte Vorbräunung einen Schutz vor Melanomen bedeuten könnte, weist Bauer deswegen entschieden zurück: "Sonnenlicht aller Intensität erhöht die Zahl der Leberflecken und damit indirekt das Melanomrisiko, egal ob man sich nun sanft oder ad hoc bräunt".

STICHWORT

Melanom

Daten aus dem Krebsregister des Saarlands sowie aus internationalen Krebsregistern zeigen, daß sich die Inzidenz des Melanoms in den vergangenen zwanzig Jahren etwa verdoppelt hat.

Dermatologen gehen heute für Deutschland von etwa zwölf Erkrankungen pro 100 000 Einwohner aus. Das entspricht rund 10 000 Patienten pro Jahr. In Australien und Ozeanien ist das Melanom fünf- bis sechsmal häufiger. Die meisten Menschen erkranken in einem Alter von 50 bis 60 Jahren. Immerhin knapp ein Viertel der Patienten ist zum Zeitpunkt der Diagnose jünger als 40 Jahre. Weil die Diagnose bei neun von zehn Patienten sehr früh gestellt wird, liegt die Zehnjahresüberlebensrate bei 75 bis 80 Prozent.

Liegen bereits Lymphknotenmetastasen vor, so beträgt die Letalität etwa 70 bis 85 Prozent. Ein Melanom mit Fernmetastasen überlebt praktisch niemand.

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