Ärzte Zeitung, 17.07.2006

Was nutzen Vorsorge-Koloskopien den Alten?

Studie: Häufigste Befunde beim Screening sind Polypen / Statistisch ergibt sich für Alte keine Lebensverlängerung

SEATTLE (gwa). Bei über 75jährigen findet man bei Screening-Koloskopien zwar häufiger Polypen als bei Menschen um 50. Doch haben solche Befunde trotz Therapien keinen wesentlichen Einfluß auf die statistisch zu erwartende Lebenszeit. Sollten also alte Menschen überhaupt Screening-Koloskopien erhalten, wenn sie danach fragen? Grundsätzlich ja, sagt Professor Jürgen F. Riemann aus Ludwigshafen.

Ob alte Menschen von einer Screening-Koloskopie profitieren, weil man etwa gefundene Polypen rasch entfernen und so potentiell die Lebenszeit verlängern kann, war bislang unklar. Deshalb haben Kollegen um Dr. Otto S. Lin aus Seattle in einer Studie untersucht, wie häufig Polypen und Krebs in verschiedenen Altersgruppen bei Screening-Koloskopien gefunden werden. Dann berechneten sie den Einfluß solcher Diagnosen und möglicher Therapien auf die statistische Lebenserwartung (JAMA 295, 2006, 2357).

1244 Menschen ohne Darmsymptome wie Blut im Stuhl oder Stuhlunregelmäßigkeiten erhielten eine Screening-Koloskopie. 1034 von ihnen waren zwischen 50 und 54 Jahre alt, 147 zwischen 75 und 79 Jahre und 63 Menschen waren über 80.

Mehr alte Menschen hatten Polypen über 5 mm und Krebs: bei den über 80jährigen waren 22 Prozent betroffen im Vergleich zu 15,6 Prozent in der Gruppe zwischen 75 und 79 Jahren und 7,5 Prozent in der Gruppe der 50 bis 54jährigen.

Doch im Gegensatz zu den 50- bis 54jährigen errechneten die Kollegen für die Alten, daß sich für sie keine wesentliche statistische Lebensverlängerung ergibt, trotz Polypektomie oder Krebsoperation.

Warum? Am häufigsten wurden Polypen gefunden. Bekanntlich dauert es - in Abhängigkeit von der Größe - oft viele Jahre, bis Polypen entarten. Das aber würden alte Patienten meist nicht mehr erleben. Deshalb raten die Autoren, bei über 80jährigen sehr genau zu überlegen, ob eine Screening-Koloskopie in Frage kommt.

Dem stimmt Professor Jürgen F. Riemann aus Ludwigshafen durchaus zu. Riemann sagt aber auch: Alter ist kein Grund, eine Maßnahme zu unterlassen.

Lesen Sie dazu den Gastkommentar:
Auch Alte haben ein Recht auf Diagnostik

Darm-Screening und Lebenserwartung

Die Stärke der Screening-Koloskopie ist es, Darmkrebs-Vorstufen zu finden, zum Beispiel Polypen, die 5 bis 9 mm groß sind. Man geht davon aus, daß es sechs Jahre dauert, bis daraus Krebs wird. Findet man solche Polypen bei über 80jährigen, hat das rein rechnerisch keinen Einfluß auf die Lebenserwartung, weil viele von ihnen sterben, bevor solche Polypen entarten. Anders bei den um 50jährigen, denn ihre Lebenserwartung ist ja noch länger. (gwa)

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