Ärzte Zeitung, 22.09.2012

Nach virtueller Koloskopie

Ganz reale Blinddarm-Entzündung

Wer die virtuelle der konventionellen Koloskopie vorzieht, will sich Unannehmlichkeiten ersparen. Das kann aber gründlich misslingen, wie ein Fall aus den USA zeigt.

Ganz reale Blinddarm-Entzündung nach virtueller Koloskopie

Autsch: War es etwa die virtuelle Koloskopie?

© Paulwip / fotolia.com

PHILADELPHIA (rb). Wer keine Beschwerden hat, muss nur zum Arzt gehen - diesen alten Witz hat ein 42-jähriger Amerikaner zwar bestätigt, vermutlich aber nicht besonders komisch gefunden.

Er hatte sich einem "executive physical"Check-up unterzogen (J Gastrointest Surg 2012, online 24. August). Dazu gehörten außer der körperlichen Untersuchung, einem Belastungs-EKG und diversen Labortests auch eine Knochendichtemessung, eine CT-gestützte Bestimmung des Koronarkalks und eben auch eine virtuelle Koloskopie.

Obwohl eigentlich ohne wesentliches Krankheitszeichen, fand sich der Mann am Ende auf dem Operationstisch wieder.

Tags vor der virtuellen Darmspiegelung erhält der Mann zur Darmvorbereitung Magnesiumcitrat. Vor der CT-Koloskopie wird der Darm mit CO2 aufgeblasen, es folgen axiale Aufnahmen in Bauch- und Rückenlage.

Es sind keine Polypen oder sonstigen Gewächse zu sehen, auch keine Strikturen. Die Bilder zeigen lediglich eine leichte Divertikulose des Sigmas. Die Appendix ist unauffällig - vorerst.

Erster dokumentierter Fall, sagen die Autoren

Denn zwölf Stunden danach sitzt der Mann in der Notaufnahme und klagt über Bauchschmerzen im rechten unteren Quadranten. Sie hätten kurz nach der CT-Koloskopie begonnen. Schlecht sei ihm auch. Ob er das vor der Untersuchung schon bemerkt habe? I wo.

Also geht es wieder Richtung Röntgenabteilung, diesmal aber nicht vorsorglich. Ein Kontrast-CT von Abdomen und Becken wird gefahren.

Die vormals unauffällige Appendix sieht nun etwas mitgenommen aus - dilatiert, das periappendikuläre Fettgewebe streifig verdichtet, die Basis des Zäkums verdickt.

Intraoperativ zeigt sich schließlich eine kleine Perforation im mittleren Bereich der Appendix mit einem angrenzenden mesenterialen Abszess. Der Pathologe diagnostiziert eine akute Appendizitis und Periappendizitis.

Nach der Operation hat der Mann mehr Glück als zuvor: Der Verlauf ist unkompliziert, er darf am nächsten Tag nach Hause gehen.

Laut den Autoren der Kasuistik ist dies der erste dokumentierte Fall einer akuten Appendizitis nach virtueller Koloskopie. Obwohl die Untersuchung als sicherer gilt als ihre endoskopische Variante, ist sie nicht ohne Risiken.

Die Rate an Kolonperforationen liegt bei 0,02-0,06 Prozent (Koloskopie: 0,1-0,2 Prozent). Es können anhaltende Krämpfe und vasovagale Reaktionen auftreten, auch Nierenversagen soll schon vorgekommen sein.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Lieber gleich zur Darmspiegelung

[22.09.2012, 23:25:36]
Lukas Esch 
@Dr. Bayer

Ohne mir anmaßen zu wollen hier große Töne zu spucken, aber Aussagen wie: "Lebenszeitprävalenz Kolon-Ca = 1:2000" und " Sensititvät vom Hämoccult-Test gleich/größer Koloskopie" entbehren einfach jedwedem Realitätsbezug. Dabei der Ärzteschaft mangelndes mathematisches Verständnis zu attestieren finde ich dann, sagen wir mal, "schwierig"....

MfG zum Beitrag »
[22.09.2012, 09:19:11]
Dr. Karlheinz Bayer 
wir machen zu viel, virtuell oder real. Egal.
Es ist eine Frage der Statistik und es ist eine Frage der Methodik, ob man für oder gegen eine komventionelle Coloskopie, und noch mehr, ob man für oder gegen eine virtuelle Coloskopie sein soll.

Außerdem ist es ohnehin eine Frage der Angst vor jedwedem Risiko.

In etwa 1-4 % der normalen präventiven Coloskopien kommt es zu Komplikationen. Eigentlich ist schon das zu viel, denn die Alternative heißt Stuhluntersuchungen auf Blut, die zwar unspezifisch sind, dafür aber echt komplikationsfrei - und die Trefferquote ist, was die Endoskopievertreter gerne verschweigen, ähnlich hochb oder sogar höher als bei den Coloskopien.

Allerdings, wenn Blut im Stuhl gefunden wird, heißt das noch lange nicht Krebs, aber, dann kann man ja immer noch coloskopieren.
Dann ist das Risiko von 1-4 oder mehr Prozenten schon eher gerechtfertigt.

Ich habe keine Ahnung, wie hoch das Komplikationsrisiko bei den "virtuellen" Coloskopien ist.
10 % von den regulären Coloskopien?
Weniger?
Mehr?
Bei 10 % wären es immer noch 1-4 Promille Komplikationen.

Mathematik ist etwas, das den Ärzten leider immer noch fremd ist.
Dabei ist die Rechnung so einfach, und es wird trotzdem den Coloskopie-Boom nicht mindern: 1-4 % Komplikationen heißt, von hundert Untersuchten schädige ich einen bis vier schwer.
Es kommt zu Perforationen, zur Anlage von Anus prätern und zu Todesfällen.

Das Colon-Karzinom ist trotz aller Propaganda etwas seltenes. Es tritt etwa 1:2000 auf. Das heißt nicht anderes als daß ich 1999 gesunde Patienten Menschen coloskopieren kann, bevor ich einen Krebsfall finde. Bis dahin habe ich 20 bis 80 vorher gesunden Menschen eine schwere Komplikation zugefügt.

Es ist klar, daß man angesichts dieser Zahlen ausweichen möchte, z.B. auf virtuelle Coloskopien. Schön wär's, wenn diese wirklich virtuell wären. Denn Abführen und Aufblähen sind real. Was die virtuelle von der realen Coloskopie unterscheidet ist "nur" noch das Einführen des Coloskops ... allerdings, mit dem lassen sich dann auch Biopsien durchführen. Kann man virtuell nicht, so daß bei den virtuellen Maßnahmen das restrisiko dazu kommt, daß man immer dann, wenn es kritisch wird doch zum Coloskop wird greifen müssen.

Insofern hat die virtuelle Coloskopie nicht einmal einen Vorteil gegenüber den Stuhlbriefchen.

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal
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