Ärzte Zeitung, 07.12.2015

Erbliche Ursachen

Krebs wird oft weitervererbt

Jede dritte Krebserkrankung hat erbliche Ursachen, schätzen Experten. Darmkrebs-Studien zeigen, dass Kinder von Erkrankten ein doppelt so hohes Darmkrebs-Risiko haben als andere. Dennoch fragen Ärzte zu selten nach Erkrankungen in der Familie.

Ein Leitartikel von Thomas Meißner

Krebs wird oftmals weitervererbt

Darmpolypen als Krebsvorstufe: Jede vierte Erkrankung ist erblich bedingt.

© psdesign1 / fotolia.com

HEIDELBERG. Es ist noch nicht lange her, da kannte man Hochrisikogene nur bei fünf Prozent der Krebserkrankungen. Das hat sich dramatisch verändert!

Es wird von einer - noch unerklärten - Erblichkeit bei etwa 20 bis 30 Prozent der Krebsfälle ausgegangen. Diese Zusammenhänge näher zu definieren, um dann risikoadaptierte Präventionskonzepte umzusetzen, ist die Aufgabe der nächsten Jahre.

Zugleich muss dringlich der Ausbildungsstand der Ärzteschaft in Bezug auf genetische Zusammenhänge und deren Bedeutung für die Prävention angehoben werden. Das jedenfalls fordert Professor Rita Schmutzler vom Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs an der Uniklinik Köln.

Schmutzler konstatierte bei einem Workshop am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg eine "Vielzahl von Unzulänglichkeiten und Erkenntnisrückständen", wenn es um die klinische Implementierung der "atemberaubenden Entwicklungen" auf dem Gebiet der Hochdurchsatz-Genomanalytik gehe und darauf basierender Erkenntnisse zu genetischen Ursachen vieler Tumorerkrankungen.

Bis zu vier Millionen Deutsche mit familiärem Risiko

Dr. Christa Maar vom Vorstand der Felix Burda Stiftung und Präsidentin des Vereins "Netzwerk gegen Darmkrebs" wies darauf hin, dass Familienanamnesen von Darmkrebs-Patienten regelhaft nicht erhoben würden.

Und das, obwohl 25 bis 30 Prozent aller Darmkrebserkrankungen auf ein familiäres Risiko zurückzuführen seien. Nach ihren Angaben betrifft dieses Risiko zwei bis vier Millionen Menschen in Deutschland.

Darmkrebs ist ein gutes Beispiel, weil für betroffene Familien bereits vieles bekannt ist. So gibt es im US-Bundesstaat Utah eine populationsbasierte Datenbank, in die per Gesetz verpflichtend jede Krebserkrankung eingepflegt werden muss.

Aus diesem riesigen Datenschatz lässt sich ableiten, dass etwa fünf Prozent der Darmkrebspatienten ein monogenetisches Syndrom wie die familiäre adenomatöse Polypose (FAP) oder ein Lynch-Syndrom haben, was mit einem 70- bis 100-prozentigen Darmkrebsrisiko einhergeht.

Etwa 25 Prozent der Erkrankungen sind auf ein familiär erhöhtes Risiko zurückzuführen. Erstgradige Verwandte von Darmkrebspatienten haben demnach ein etwa doppelt so hohes Darmkrebsrisiko als im Bevölkerungsdurchschnitt, auch für zweitgradige Verwandte ist das Risiko noch um das 1,3-fache erhöht, erklärte in Heidelberg Professor Jewel Samadder vom Huntsman Cancer Institute der Universität Utah.

Besonders gefährdet seien Verwandte von Patienten, die im Alter von unter 40 Jahren erkrankt sind, so aktuelle Daten (Clin Gastro Hepatol 2015; 13: 2305).

Verwandte von Darmkrebs-Patienten benötigen also ein früheres Darmkrebs-Screening als bislang empfohlen. Liegt gar eine monogenetische Erkrankung wie ein FAP oder ein Lynch-Syndrom vor, werden in Utah bereits ab dem 12. Lebensjahr alle ein bis zwei Jahre Koloskopien vorgenommen sowie chemopräventive oder chirurgische Maßnahmen ergriffen.

Allerdings ist selbst in Familien mit monogenetisch bedingtem Risiko die Compliance hinsichtlich der Koloskopien schlecht, so die Erfahrungen in Utah.

Womöglich wird man künftig auf elegantere Methoden - zumindest ergänzend -zurückgreifen können. Denn: "Molekulare und pathologische Merkmale von Patienten mit kolorektalen Karzinomen können genutzt werden, um Risiken von Verwandten zu identifizieren", sagte Dr. Polly Newcomb vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle im US-Staat Washington.

Neue Klasse von Risikogenen identifiziert

Sie und ihre Mitarbeiter haben bei 4800 Index-Patienten knapp 33.500 Verwandte ersten Grades identifiziert, von denen 1400 tatsächlich ein kolorektales Karzinom hatten (Gut 2015;64:101). Diese Studie bestätigt die Daten aus Utah in Bezug auf das Risiko von Verwandten.

Und es wurde eine Gen-Klasse identifiziert, die für die Reparatur von DNA-Schäden eine Rolle spielt, und die künftig ein Faktor bei der Identifizierung von Menschen mit erhöhten Krebsrisiko sein könnte, so genannte Mismatch Repair Gene (MMR). Bei Inaktivierung von MMR kann es zu potenziell kanzerogenen genetischen Alterationen kommen.

Unabhängig davon hat bereits im Jahre 2014 ein internationales Konsortium vier molekulare Subtypen kolorektaler Karzinome definiert, die zudem eine bessere klinische Stratifikation für Therapieentscheidungen ermöglichen soll.

So wie bei Darmkrebs werden ähnliche Entwicklungen bei anderen Krebsformen die nähere Zukunft die Prävention, Diagnostik und Therapie bestimmen.

Für die breite Implementierung neuer Erkenntnisse in die klinische Praxis bedarf es unter anderem strukturierter Fortbildungen in der Ärzteschaft, Gentests müssen außerhalb kommerzieller Interessen evidenzbasiert angeboten und in ein umfassendes Beratungskonzept eingebettet werden.

Und, so Professor Rita Schmutzler aus Köln, es brauche eine ethische, rechtliche, soziale und gesundheitsökonomische Begleitforschung.

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