Ärzte Zeitung, 31.10.2016

Darmkrebsvorsorge

Paradox bei Labortests verwirrt Ärzte

Die Hängepartie um die neue EBM-Leistung zur Darmkrebsprävention mit immunologischen Stuhltests belastet Patienten und Ärzte. Kritisiert wird vor allem der Vorlauf bis zur Umsetzung des GBA-Beschlusses. Aber Ärzte haben noch weitere Kritikpunkte.

Von Hauke Gerlof

NEU-ISENBURG. Seit 1. Oktober sind immunologische Tests auf Blut im Stuhl zur Darmkrebsvorsorge Teil der Regelversorgung – und trotzdem kann kein Arzt sie auf Kassenkosten abrechnen. Dieses Paradox macht Ärzten und Patienten in der Darmkrebsprävention derzeit das Leben schwer.

Hintergrund ist der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses vom April dieses Jahres zur Einführung quantitativer immunologischer Tests auf okkultes Blut im Stuhl (iFOBT), der am 1. Oktober in Kraft getreten ist, weil dieser hinsichtlich Sensitivität und Spezifität aussagefähiger sei als der bislang verwendete guajak-basierte Stuhltest (gFOBT).

Damit Vertragsärzte diese neue Leistung abrechnen können, muss aber zunächst der Bewertungsausschuss deren Übernahme in den EBM beschließen und eine neue EBM-Position schaffen. Dafür haben Krankenkassen und Kassenärztliche Bundesvereinigung noch bis 1. April 2017 Zeit.

Die Stiftung LebensBlicke sieht diese Übergangsphase äußerst kritisch: "Die Zeitspanne ist unverständlich. Ärzte wie Patienten sind verunsichert", schreibt Professor Jürgen F. Riemann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung in einem offenen Brief an Gesundheits-Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz.

gFOBT weiter abrechenbar

Die Verwirrung ist laut Riemann komplett: Viele wüssten nicht, ob der gFOBT überhaupt noch auf Kasse abgerechnet werden könne. – Nebenbei bemerkt: Laut KBV kann er abgerechnet werden. Fraglich sei auch, ob Anspruchsberechtigte schon jetzt einen iFOBT von ihren Hausärzten oder anderen Fachärzten verlangen könnten.

Manche Krankenkassen ermöglichten dies über Kostenrückerstattungsanträge, andere nicht, so Riemann im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Er hält es für "nicht zumutbar, Ärzte und Patienten auf diese Weise allein zu lassen", gerade auch weil es um die Akzeptanz dieser Präventionsleistung gehe.

Riemann appelliert daher an Krankenkassen und KBV, den Beschluss zum iFOBT "so früh wie möglich" zu fassen und nicht die gesetzlich mögliche Frist auszuschöpfen. Von der KBV verlautet dazu nur, die neue Leistung sei "immer noch in Beratung", einen Termin für die Entscheidung gebe es noch nicht.

"Inzidenzsteigerung absehbar"

Hinsichtlich der zukünftigen Leistungen zur Darmkrebsfrüherkennung hofft Riemann, dass es auch ein Honorar für die Beratung von Kassenpatienten in der Darmkrebsvorsorge geben wird. Seine Befürchtung: "Ohne Beratungsgebühr steigen die Fachärzte aus der Darmkrebsfrüherkennung aus."

Denn, wie es auch in dem offenen Brief der Stiftung LebensBlicke an Staatssekretärin Widmann-Mauz heißt: "Mit der Einführung des quantitativen immunologischen Stuhltests wird eine bewährte patientenorientierte Leistung aus der Niederlassung in Richtung auf Speziallabore verschoben."

In dieselbe Kerbe schlägt auch der Berufsverband der Frauenärzte: Der Verband bittet in einem offenen Brief unter anderem an den GBA-Vorsitzenden Professor Josef Hecken sogar, die Entscheidung zu den Stuhltests zu korrigieren und auch qualitative Stuhltests in der Darmkrebsvorsorge zuzulassen.

Ansonsten sei eine "Inzidenzsteigerung des Dickdarmkrebses absehbar". Denn die Akzeptanz des niedrigschwelligen Screenings werde sinken, so der Berufsverband der Frauenärzte. Auch andere Berufsverbände, etwa die Gastroenterologen und die Urologen hatten sich kritisch zur GBA-Entscheidung geäußert (wir berichteten).

Argumente für qualitativen Test

Bislang kann nur der gFOBT im Rahmen der Darmkrebsvorsorge über den EBM abgerechnet werden (EBM-Nr. 01734), die immunologischen Stuhltests (quantitativ und qualitativ) werden zusammen mit der zugehörigen Beratung als IGeL abgerechnet.

Bis es zu einer Entscheidung des Bewertungsausschusses kommt, bleibt der gFOBT laut KBV Kassenleistung. In Zukunft sollen Patienten ab 50 Jahren einen Anspruch auf quantitative immunologische Stuhltests in der Darmkrebsvorsorge haben, aber eben nicht auf qualitative Tests.

Für den qualitativen Test, so die Frauenärzte weiter, sprächen mehrere Argumente:

1.) Der qualitative Test könne zeitnah, wohnortnah und flächendeckend ohne Qualitätsverlust durch lange Transportwege erbracht werden.

2.) Die Ärzte könnten ihre Patienten "motivierend und vertrauensfördernd" zeitnah informieren.

Die Erbringung sei kostengünstig, weil Verpackungs- und Versandgebühren sowie eine aufwändige Kühlung wegfallen könnten.

Da keine Nutzenstudie für die Tests existiere, halten die Gynäkologen eine Erprobungsphase gekoppelt mit einer Korrektur der Entscheidung für "möglich". Frauenärzte hätten in den vergangenen Jahrzehnten mit dazu beigetragen, dass "die Inzidenz des Kolonkarzinoms signifikant zurückgegangen ist", heißt es in dem offenen Brief.

Frauen würden "beraten, motiviert, mit dem Test versorgt und über das Testergebnis mit Erklärungen zeitnah informiert beziehungsweise von der Wichtigkeit der Koloskopie überzeugt und überwiesen". Diese patientenfreundliche Versorgung würden die Gynäkologen gerne auch in Zukunft erbringen.

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