Ärzte Zeitung, 27.01.2017

Positionspapier

Bewegung muss Teil des Therapiekonzepts sein

Gerade Krebserkrankungen lassen sich mit Sport und Bewegung wesentlich beeinflussen – und zwar Manifestation wie auch Krankheitsverlauf.

Von Peter Stiefelhagen

Bewegung muss Teil des Therapiekonzepts sein

Es gibt viele Hinweise, dass Sport gerade bei Darmkrebspatienten hilfreich ist.

© Jacek Chabraszewski / Fotolia

MANNHEIM. Unbestritten sind körperliche Inaktivität und Übergewicht sowohl in der Primär- als auch der Sekundärprävention von Tumoren ungünstig. Ein Expertenforum der Stiftung LebensBlicke erarbeitet jetzt ein Positionspapier, welches die Notwendigkeit einer regelmäßigen körperlichen Aktivität beim kolorektalen Karzinom unterstreicht.

"Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die die Anstrengungen Vieler erfordert, nämlich sowohl der Entscheider im Gesundheitswesen als auch der Bevölkerung", erinnerte Professor Jürgen F. Riemann, Ludwigshafen, Vorsitzender der Stiftung LebensBlicke, beim Workshop "Sport (Bewegung) und (Darm-) Krebs".

Wesentlicher Bestandteil aller Präventionsformen wie Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention seien Sport und Bewegung. Gerade Krebserkrankungen ließen sich dadurch wesentlich beeinflussen, und zwar sowohl was die Manifestation einer solchen Erkrankung als auch den Krankheitsverlauf betrifft.

Prävention durch Sport

"Die Evidenz spricht dafür, dass körperliche Aktivität gerade bei Darmkrebspatienten präventiv und supportiv wirkt", so Riemann. Deshalb müsse regelmäßige Bewegung Teil des multimodalen Therapiekonzepts bei dieser Erkrankung sein, was professionelle und individuelle Beratung und Anleitung nötig mache.

Für das Verständnis der Krebsentstehung ist die Kenntnis molekularer Veränderungen unabdingbar; denn Krebserkrankungen sind in der Regel die Folge von genetischen Veränderungen einzelner Körperzellen, durch die sie neue biologische Eigenschaften erhalten, die zum Krebswachstum beitragen.

"Am Anfang dieses Prozesses steht eine Veränderung, die den Zustand von genomischer Instabilität herbeiführt", so Professor Magnus von Knebel Doeberitz, Institut für Tumorbiologie am Pathologischen Institut der Universität Heidelberg. Am Ende des Prozesses seien nach heutigen Schätzungen allerdings nur drei bis fünf Veränderungen in spezifischen Genen erforderlich, um das Krebswachstum zu vermitteln.

Zuschauer-Mutation

Viele andere Mutationen seien funktionell weniger relevant, sie könnten als "innocent bystander"- Mutationen betrachtet werden. Molekulare Sequenzanalysen haben in den letzten Jahren einen tiefen Einblick in diese Mechanismen ermöglicht. Dies ist die Voraussetzung, um neue zielgerichtete Ansätze zur Krebsprävention zu entwickeln.

"Es besteht eine klare Korrelation zwischen körperlicher Aktivität beziehungsweise BMI und dem Krankheitsverlauf bei Darmkrebspatienten", so Knebel Doeberitz bei der vom Unternehmen Norgine unterstützten Veranstaltung. Die Überlebenskurve zeige allerdings einen U-förmigen Verlauf, bei Übergewicht, aber auch bei Untergewicht nehme also die Überlebenswahrscheinlichkeit ab.

Viele Untersuchungen sprechen dafür, dass dabei sowohl die Glukose als auch das Insulin, welches auch ein Wachstumsfaktor ist, die entscheidenden pathogenetischen Faktoren darstellen. "Beides wirkt auf eine Tumorzelle wie ein Gaspedal".

Aber auch das Risiko für die Manifestation eines malignen Tumors ist bei Übergewichtigen deutlich erhöht, eventuell als Folge des Hyperinsulinismus. Dies gilt für das Leberzell-, Kolon-, Mamma- und Endometriumkarzinom, aber nicht für das Bronchialkarzinom. "Es könnte aber sein, dass das Bronchialkarzinom bereits vor der klinischen Diagnosestellung zu einer deutlichen Gewichtsabnahme geführt hat", so Knebel Doeberitz.

Veränderungen im Immunsystem

Neben den metabolischen Einflüssen dürften bei der Tumorentstehung aber auch Veränderungen des Mikromilieus, sprich des Immunsystems eine Rolle spielen. Und der präventive Effekt der körperlichen Aktivität dürfte zumindest teilweise auch über Veränderungen des Immunsystems vermittelt sein.

"Doch die molekularen Mechanismen dieser Zusammenhänge sind noch weitgehend unbekannt"."Sowohl epidemiologische Untersuchungen als auch Kohortenstudien und auch Metaanalysen belegen übereinstimmend, dass Sport im Rahmen der Primärprävention effektiv ist", so Professor Wolfgang Fischbach, Chefarzt der gastroenterologischen Klinik in Aschaffenburg.

Dies gelte für Tumorerkrankungen im Allgemeinen und Darmkrebs im Besonderen. Und in der Sekundärprävention kann bei Darmkrebs mit regelmäßiger körperlicher Aktivität sowohl die Gesamtsterblichkeit als auch die tumorbedingte Mortalität um circa 40 Prozent reduziert werden. Was fehlt, sind prospektive Interventionsstudien.

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