Ärzte Zeitung, 13.09.2006

INTERVIEW

"Fachleute werden zu Fragen der medizinischen Versorgung immer seltener zur Rate gezogen!"

Erst nach massiver Kritik von Experten hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) angekündigt, den Vorbericht zur Stammzelltherapie bei Leukämien zu überarbeiten. Professor Gerhard Ehninger, der an der Anhörung zum Vorbericht teilgenommen hatte, befürchtet allerdings, daß künftig Fachleute immer weniger gehört werden, wie er im Gespräch mit Peter Leiner von der "Ärzte Zeitung" sagte.

   
 
"In allen 40 abgegebenen Stellungnahmen der Fachleute wurde die Arbeit des IQWiG kritisiert und als fachlich falsch angesehen."
 
Professor Gerhard Ehninger
Uniklinik "Carl Gustav Carus" in Dresden
   

Ärzte Zeitung: Sind Sie zufrieden mit dem Ausgang der Anhörung zum Vorbericht beim IQWiG und damit, daß das Institut nun den Bericht ändern wird?

Professor Gerhard Ehninger: Die Überarbeitung und Vorlage eines neuen Vorberichtes zu Leukämien war die einzig mögliche Konsequenz auf die massive Kritik von über 40 Experten. In schriftlichen Stellungnahmen und bei der mündlichen Anhörung wurden schwere methodische Mängel und Fehler im Bericht aufgedeckt. Zufrieden kann man erst sein, wenn im zweiten Vorbericht diese Fehler korrigiert sind.

Ärzte Zeitung: Gab es unter Ihren Gesprächspartnern beim Institut IQWiG auch Onkologen und Hämatologen?

Ehninger: Die erste Literatursichtung war durch einen Hämatologen durchgeführt worden. Der vorläufige Bericht war aber durch IQWiG-Mitarbeiter abschließend verfaßt worden und stellt deren Meinung dar. Unter ihnen befand sich weder ein Hämatologe noch ein Onkologe.

Ärzte Zeitung: Das IQWiG weist die Kritik der Fachgesellschaften, es gebe schwere methodische Mängel und Fehler im Vorbericht, zurück? Was sagen Sie dazu?

Ehninger: Wenn es die nicht gäbe, dann hätte man nicht zugesagt, einen neuen Bericht zu erstellen. Kritikpunkt am IQWiG war, daß die unterschiedlichen Schweregrade der akuten Leukämieformen nicht berücksichtigt wurden. Veröffentlichte Daten wurden falsch ausgewertet oder zitiert, andere wichtige überhaupt nicht berücksichtigt. Eine wichtige statistische Methode des indirekten Vergleiches von Therapien wurde nicht eingesetzt; damit wäre auf Grund der vorhandenen Daten klar geworden, daß mit der Transplantation von Fremdspender-Stammzellen die gleichen - oder teilweise bessere - Ergebnisse wie mit Zellen eines Familienangehörigen erreicht werden.

Seit Jahren ist aber schon bekannt, daß diese Transplantationsform bei Hochrisiko-Leukämien der Chemotherapie überlegen ist. Damit nicht genug: Das IQWiG erkannte zwar, daß die Transplantationsform mit Reduktion der vorausgehenden Chemotherapie (dosisreduzierte Konditionierung) gleiche Therapie-Ergebnisse erzielt. Vollkommen unverständlich verwarf es aber dann diese Therapie, obwohl es bei älteren Patienten und nach schweren Vor- oder Begleiterkrankungen gar keine andere Alternative gibt! Entweder dies ist nur ein Denkfehler oder eine pseudowissenschaftliche Begründung von Rationierungsmaßnahmen. Kein Wunder, daß der Kollege, der die Literatur bewertet hatte, sich von den Schlußfolgerungen des IQWiG distanziert!

Ärzte Zeitung: Und was halten Sie davon, daß nationale Fachgesellschaften bei der Erstellung des Vorberichts nicht befragt wurden?

Ehninger: Vollkommen unverständlich war für die Experten, daß trotz entsprechender Beauftragung durch den Gemeinsamen Bundesausschuß die nationalen Fachgesellschaften und Studiengruppen, die weltweit eine führende Rolle einnehmen, nicht vom IQWiG bei der Erstellung des Vorberichtes befragt wurden. Bei der Anhörung wurde deutlich, daß dort weitere zur Veröffentlichung anstehende Erkenntnisse vorliegen. Das IQWiG schiebt nach Pressemitteilungen nun den Schwarzen Peter den deutschen Fachleuten zu, die angeblich erst jetzt bislang unveröffentlichte Studienergebnisse zugänglich machen wollten. Dies kann nur als Ablenkungsmanöver aufgefaßt werden, da sie vom IQWiG laut Auftrag hätten befragt werden müssen.

Ärzte Zeitung: Der IQWiG-Leiter, Professor Peter Sawicki, - so heißt es in den Medien - vermutet eine Kampagne der Fachgesellschaften gegen das Institut. Dieses wirft der DGHO vor, die wissenschaftliche Diskussion im Vorfeld über die Medien mit unzutreffenden Vorwürfen belastet zu haben. Wie sehen Sie das?

Ehninger: In allen 40 abgegebenen Stellungnahmen der Fachleute wurde die Arbeit des IQWiG kritisiert und als fachlich falsch angesehen. Noch nie haben so viele beim Hearing teilgenommen. Die DGHO hat nach der Veröffentlichung des Vorberichtes Stellung bezogen; es ist eine Aufgabe einer Fachgesellschaft, den aktuellen Stand des Wissens zu vertreten.

Ärzte Zeitung: Einerseits hat den onkologischen Fachgesellschaften zufolge das IQWiG für seinen Vorbericht nur 51 von mehr als 5200 Studien zum Thema ausgewertet. Andererseits sollen bis jetzt noch unveröffentlichte Studiendaten für die Modifikation des Vorberichts nachgereicht werden. Wessen Aufgabe ist es eigentlich, die für den Bericht auszuwertenden Daten zu besorgen?

Ehninger: Die Literaturrecherche ist Aufgabe des IQWiG. Das Institut hat es aber entgegen dem Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses unterlassen, den Stand des Wissens bei Fachleuten und Studiengruppen zu eruieren. Wenn nur ein Prozent der Leukämie-Literatur für das IQWiG relevant ist, dann hätte man einen systematischen Fehler im Ansatz erkennen können. Oder die Literatur ist wirklich schlecht. Bei den ausgeschlossenen Literaturstellen handelt es sich aber auch um solche aus Top-Journalen wie "New England Journal of Medicine" und "Blood" oder von führenden internationalen Experten.

Ärzte Zeitung: Der Vorbericht soll jetzt ergänzt und überarbeitet werden. Wie geht es dann weiter? Wird es eine weitere Anhörung geben?

Ehninger: Es wurde uns zugesagt, daß ein 2. Vorbericht verfaßt wird und eine erneute Anhörung stattfindet.

Ärzte Zeitung: Wird der Teilerfolg Ihrer Anstrengungen auch Auswirkungen auf künftige Berichte des Instituts haben?

Ehninger: Das hoffe ich. Da aber das deutsche Medizinsystem Richtung Staatsmedizin läuft, werden die Fachleute immer weniger gehört werden. In den aktuellen Änderungsvorschlägen zum Transfusions- und Transplantationsgesetz übernimmt das Bundesministerium für Gesundheit die Festlegung des medizinischen Wissensstandes. Die Richtlinienkompetenz der Bundesärztekammer wurde gestrichen!

Ärzte Zeitung: Empfinden Sie den Ausgang der Anhörung als so etwas wie einen Sieg über das IQWiG?

Ehninger: Wir bemühen uns um einen sachgerechten Bericht, und auf dem Weg dort hin werden wir uns weiterhin einbringen. Schon hat das IQWiG einen weiteren Vorbericht zum Knochenmarkversagen vorgelegt. Dieser ist noch abwegiger als der zu Leukämien. Sie sehen, wir haben noch viel Arbeit.

ZUR PERSON

Professor Gerhard Ehninger ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). Er leitet die Medizinische Klinik und Poliklinik I des Universitätsklinikums "Carl Gustav Carus" in Dresden. Der Onkologe war bei der Anhörung zum Vorbericht über Stammzelltherapie bei Leukämie dabei. Bei dieser Gelegenheit betont er, das IQWiG müsse seine methodische Grundlage überdenken und einzelnen Fragestellungen anpassen.

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