Ärzte Zeitung, 29.11.2006

Neue Chemotherapie verlängert Leben bei akuter Leukämie

Vorteil für Konjugat aus Antikörper und Bakterientoxin bei akuter myeloischer Leukämie / Studie bei 264 Patienten mit refraktärer Form

LEIPZIG (nsi). Die Therapie mit Gemtuzumab Ozogamicin, einem Konjugat aus einem Antikörper und dem bakteriellen Toxin Calicheamicin erhöht die Remissionsrate und verlängert das Leben bei Patienten mit primär refraktärer akuter myeloischer Leukämie (AML). Gleiches gilt, wenn eine herkömmliche Zytostatikatherapie durch All-trans-Retinsäure ergänzt wird.

Patienten mit dieser Form der AML haben eine ungünstige Prognose. Die beste Therapie-Option ist für sie eine allogene Stammzelltransplantation. Voraussetzung: Die Patienten sollten in Remission gekommen sein.

Die AML-Studiengruppe (AMLSG), ein Zusammenschluß deutscher Zentren, hat nun geprüft, ob sich mit Gemtuzumab Ozogamicin plus hochdosierter Chemotherapie diese Patienten besser in Remission bringen lassen, als durch die Behandlung mit herkömmlichen Zytostatika alleine. Dr. Richard Schlenk von der Universitätsklinik Ulm hat bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie in Leipzig Ergebnisse präsentiert, die den Nutzen bestätigen.

Therapiedaten von 1993 bis 2006 ausgewertet

Die AMLSG 05-04-Studie ist eine retrospektive Phase-II-Untersuchung, in der die Wirksamkeit verschiedener Salvage-Therapien aus den Jahren 1993 bis 2006 verglichen wurde. Als primär therapierefraktär galten Patienten, die auf einen ersten Behandlungszyklus mit Idarubicin, Cytarabin und Etoposid nicht angesprochen hatten.

Zwischen 1993 und 1998 erhielten diese Patienten, wenn sie jünger als 55 Jahre waren, hochdosiert Cytarabin und Mitoxantron an jeweils vier Tagen des Therapiezyklus (S-HAM). Patienten mit 55 Jahren oder älter bekamen Cytarabin an jeweils drei, und Mitoxantron an jeweils zwei Tagen eines Therapiezyklus (HAM). Bei den Älteren war die Behandlung mit den beiden Zytostatika also etwas weniger intensiv.

Ab 1998 wurden primär therapierefraktäre AML-Patienten mit hochdosiertem Cytarabin, Mitoxantron und All-trans-Retinol (A-HAM) behandelt, und ab 2004 erhielten sie zusätzlich Gemtuzumab Ozogamicin (GO-A-HAM, Mylotarg®).

In die Auswertung sind Daten von 264 Patienten im Alter von median 48 Jahren eingegangen. Davon waren die meisten (112) nach dem A-HAM-Schema behandelt worden, 62 nach dem GO-A-HAM-Schema und die übrigen mit Cytarabin und Mitoxantron in an das Alter angepaßter Dosierung. Die Rate der kompletten Remissionen - nach Angaben von Schlenk Voraussetzung für das langfristige Überleben nach allogener Transplantation - betrug in der GO-A-HAM-Gruppe 49 Prozent, in der A-HAM-Gruppe 34 Prozent, unter S-HAM bei den unter 55jährigen 23 Prozent und bei den älteren Patienten, die nach dem HAM-Schema behandelt worden waren, 14 Prozent.

Die statistische Auswertung ergab, daß Patienten, die das Antikörperkonjugat und All-trans-Retinol erhielten, doppelt so häufig in eine komplette Remission kamen wie Patienten unter HAM- oder S-HAM. Eine Remission wurde auf der Basis von Differentialblutbild und zytologischer Untersuchung von Knochenmarkaspiraten festgestellt. 151 der 264 Teilnehmer erhielten eine Stammzelltransplantation, davon sieben autolog, die übrigen allogen.

Die mediane Überlebenszeit betrug etwa 16 Monate unter GO-A-HAM, fast 13 Monate unter A-HAM und etwa 7 Monate bei den übrigen Therapieregimes, wie Schlenk bei einem Symposium des Unternehmens Wyeth berichtete. "Obwohl das eine retrospektive Studie ist, legt das Ergebnis nahe, daß das Antikörperkonjugat und die All-trans-Retinsäure die Rate der kompletten Remissionen erhöhen und die Überlebenszeit verlängern können", so Schlenks Fazit.

STICHWORT

Gemtuzumab Ozogamicin

Gemtuzumab Ozogamicin hat drei Elemente, die chemisch miteinander verbunden sind: einen rekombinanten Antikörper der Klasse IgG4 mit Spezifität für das Eiweißmolekül CD33. Es sitzt auf Myelo- und Monoblasten, nicht aber auf Vorläufern von anderen weißen Blutzellen. Der Antikörper ist über einen "Linker" mit einem Derivat des Antibiotikums Calicheamicin verknüpft. Gelangt Calicheamicin ins Zellinnere, verursacht es DNA-Doppelstrangbrüche und löst den programmierten Zelltod aus. (nsi)

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