Ärzte Zeitung, 27.11.2006

Therapie mit Imatinib jetzt auch bei akuter Leukämie

Tyrosinkinase-Hemmer bei Philadelphia-Chromosom-positiver lymphatischer Leukämie zugelassen / Alternative zur intensiven Chemotherapie

FRANKFURT AM MAIN (hbr). Für Patienten mit Philadelphia-Chromosom-positiver akuter lymphatischer Leukämie (ALL) gibt es jetzt eine neue Therapie-Option: den Tyrosinkinase-Hemmer Imatinib.

Beratungsgespräch in der Praxis: Patienten mit akuter Leukämie haben jetzt eine bessere Prognose. Foto: DAK

Bislang wurde Imatinib (Glivec®) etwa zur Therapie bei chronischer myeloischer Leukämie verwendet. Die kürzlich erfolgte Zulassungserweiterung umfaßt die Monotherapie und die Kombination mit einer Chemotherapie bei erwachsenen Patienten mit Philadelphia-Chromosom-positiver ALL (Ph+ALL). Das Philadelphia-Chromosom entsteht durch Umlagerung von Chromosomenabschnitten zwischen den Chromosomen 9 und 22. Die Ph+ALL ist eine besonders aggressive, rasch fortschreitende Erkrankung. Standardtherapie bei akuten Leukämien ist eine intensive Chemotherapie. Eine dauerhafte Heilung bietet bei Ph+ALL nur die Stammzell-Transplantation.

Aber nicht jeder Patient sei für eine solche Transplantation geeignet, so Privatdozent Dr. Oliver Ottmann von der Universität Frankfurt am Main: "Die Ph-positive Form der Leukämie hat jeder zweite über 60jährige ALL-Patient. Diese Patienten vertragen oft auch die Chemotherapie schlecht."

Ottmann verglich deshalb bei 27 Patienten von 58 bis 79 Jahren die Wirksamkeit von Imatinib mit der der Standard-Chemotherapie. Der Tyrosinkinase-Hemmer war sowohl verträglicher als auch erfolgreicher: In den ersten vier Wochen traten mit täglich 600 mg Imatinib nur bei 39 Prozent der Patienten schwere unerwünschte Wirkungen wie Infektionen oder eine Lungenentzündung auf, aber bei 89 Prozent derjenigen, die eine konventionelle Chemotherapie erhielten.

Mit der Standardtherapie erreichte zudem nur jeder zweite Patient eine komplette Remission, bei der das Philadelphia-Chromosom verschwindet, mit Imatinib waren es dagegen 96 Prozent (26 Patienten). "Wir haben die Studie natürlich beendet", so Ottmann bei einer Veranstaltung des Unternehmens Novartis in Frankfurt am Main. Bei neun von elf Chemotherapie-Patienten wurde dann mit Imatinib doch noch eine komplette Remission erzielt.

Noch deutlichere Erfolge erzielte eine Studie mit 30 Patienten der gleichen Altersgruppe mit einem anderen Therapieschema: Sie erhielten drei Jahre Imatinib plus Prednison im Wechsel mit der Standard-Chemotherapie. Damit lebten die Patienten im Mittel für 20 Monate krankheitsfrei. Ohne Imatinib in einer historischen Kontrollgruppe wurden nur für vier bis fünf Monate erreicht.

STICHWORT

Akute lymphatische Leukämie (ALL)

Die ALL ist eine der aggressivsten Leukämien, besonders wenn das Philadelphia-Chromosom vorhanden ist. Es tritt bei jedem dritten bis fünften Patienten auf. Von den älteren Patienten sind bis zu 50 Prozent betroffen. Pro Jahr erkranken in Deutschland 6,5 von 100 000 Kindern an ALL sowie ein bis zwei von 100 000 Erwachsenen. (hbr)

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