Ärzte Zeitung online, 13.09.2010

Unreife Blutstammzellen überleben gezielte Krebsbehandlung

HANNOVER (eb). Trotz Chemotherapie mit einem neuartigen Krebsmittel überleben offenbar bei Leukämiepatienten manche sehr unreifen Stammzellen im Knochenmark den toxischen Angriff.

Unreife Blutstammzellen überleben eine gezielte Krebsbehandlung

Verkürztes Chromosom 5 (hellblaue Pfeile) und zusätzliche komplexe Veränderungen (weiße Pfeile) bei einer Patientin, die während der Behandlung eine Leukämie entwickelte.

© Schlegelberger / MHH

Seit wenigen Jahren steht das Medikament Lenalidomid zur Verfügung, mit dem Patienten mit einer bestimmten Form der Leukämie - als Myelodysplastisches Syndrom (MDS) bezeichnet - gezielt therapiert werden kann. Forscherinnen der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) halfen nun bei der Aufklärung, warum bei einigen Patienten, die an MDS erkrankt sind, trotz der neuartigen Behandlung eine aggressive Form der Leukämie entsteht.

Gemeinsam mit Dr. Sten Jacobsen aus Oxford, mit Kollegen aus Schweden sowie den USA berichten die Forscherinnen des MHH-Instituts für Zell- und Molekularpathologie, dass die unreifen Knochenmark-Stammzellen - anders als die Masse der reiferen Vorläuferzellen - durch das Medikament nicht beseitigt werden. "Tatsächlich entwickelten sich bei einigen Patienten aggressive Leukämien, die in den meisten Fällen nach wenigen Monaten zum Tod führten", berichtet Professorin Brigitte Schlegelberger, Direktorin des MHH-Instituts für Zell- und Molekularpathologie. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher jetzt in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "New England Journal of Medicine" (2010; 363: 1025).

Die Erkrankung kommt vor allem bei älteren Frauen vor

Die Stammzellerkrankung MDS mit einem verkürzen Chromosom 5 (abkürzt: 5q-) tritt vorwiegend bei älteren Frauen auf. Sie haben vor allem Blutarmut und benötigen regelmäßig Bluttransfusionen. Gezielt setzen US-amerikanische Ärzte das Medikament seit kurzem zur Behandlung der Leukämie-Patienten ein. Etwa zwei Drittel der behandelten Patientinnen brauchen dank der Therapie keine Bluttransfusionen mehr. In Europa ist das Medikament bisher für diese Indikation nicht zugelassen, sondern nur für Patienten mit Multiplem Myelom, auch als Plasmozytom oder Morbus Kahler bezeichnet.

Dr. Gudrun Göhring, Oberärztin des MHH-Instituts für Zell- und Molekularpathologie, untersuchte Knochenmarkproben der behandelten Patienten. Das verkürzte Chromosom 5 ist typisch für das MDS. Obwohl bei den gängigen Kontrolluntersuchungen das verkürzte Chromosom 5 verschwunden und das Blutbild völlig normal war, überlebten im Knochenmark einzelne sehr unreife Stammzellen mit dem verkürzten Chromosom 5.

"Im Lauf der Behandlung traten neue komplexe Veränderungen der Chromosomen auf - für uns ein schlechtes Zeichen", so Göhring. Ob die Leukämie-Entwicklung den natürlichen Verlauf der Krankheit darstellt oder mit der Behandlung zusammenhängt, ist unklar. Vor allem ist noch nicht geklärt, ob sich das Medikament neutral verhält, das Voranschreiten der Krankheit hemmt oder beschleunigt.

Die Forschungsarbeiten wurden durch den Exzellenzcluster REBIRTH (From Regenerative Biology to Reconstructive Therapy) unterstützt, wie die MHH mitteilt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Gröhes Sonnenschein-Politik

Bei der Eröffnung des Ärztetags weiß sich der Gesundheitsminister bei Partnern. Kritik hat Gröhe nur für den Koalitionspartner übrig und freut sich auf ein Wiedersehen beim Ärztetag 2018. mehr »

Berichte, Videos und Tweets rund um den Deutschen Ärztetag

Begleiten Sie den 120. Deutschen Ärztetag in Freiburg mit uns online. Die "Ärzte Zeitung" berichtet vom 23.-26.5. live und aktuell über alle wichtigen Ereignisse und Debatten. mehr »

"Turbolader einer Zwei-Klassen-Medizin"

Die Einheitsversicherung als Garant für Gerechtigkeit im Versorgungssystem? Aus Sicht von BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery eine fatale Fehleinschätzung. Die "Ärzte Zeitung" dokumentiert Auszüge aus seiner Ärztetags-Eröffnungsrede. mehr »