Ärzte Zeitung online, 28.12.2010

Online-Programm unterstützt die Therapie-Entscheidung bei Leukämie

MÜNSTER (eb). Mit einem neuen Verfahren lassen sich bei Patienten mit einer bestimmten Leukämie-Form die Chancen und die Risiken einer intensiven Behandlung besser einschätzen als bisher. Das ist vor allem bei der Behandlung älterer Patienten hilfreich.

Online-Programm unterstützt die Therapie-Entscheidung bei Leukämie

Speziell für ältere Patienten mit AML ist das Online-Tool bei der Therapie-Entscheidung hilfreich.

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Die Auswahl der besten Behandlung für jeden Patienten mit akuter Leukämie ist von großer Bedeutung. Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) können durch eine intensive Behandlung geheilt werden. Allerdings kann eine intensive, stationäre Therapie gerade für ältere Patienten besondere Gefahren mit sich bringen. Die Entscheidung, welche Therapie für welchen Patienten die beste ist, ist daher schwierig. Ärzte und Forscher aus Münster sowie von anderen Kliniken in Deutschland haben nun ein Verfahren entwickelt, mit dem Chancen und Risiken der intensiven Therapie für den einzelnen Patienten zuverlässiger beziffert werden können Lancet (2010; 376: 2000).

Das Online-Tool ist einfach aufgebaut: Über eine Internetseite können behandelnde Ärzte verschiedene Werte angeben, die Einfluss auf die Chancen einer vollständigen Erholung des Patienten haben, wie es in einer Mitteilung der Universität Münster heißt. Zu diesen Werten gehören zum Beispiel das Alter bei der Leukämie-Diagnose, die Konzentration von Thrombozyten und Hämoglobin im Blut sowie genetische Veränderungen in den Leukämiezellen, aber auch die Körpertemperatur. Aus diesen Daten berechnet das Programm die Chance einer Remission und das Risiko eines frühen Todes.

Algorithmus basiert auf Daten von über 60-Jährigen

"Natürlich können wir den behandelnden Ärzten die Entscheidung für eine Behandlungsempfehlung nicht abnehmen", so Professor Carsten Müller-Tidow, Leiter des Leukämie-Programms der von Professor Wolfgang Berdel geführten Medizinischen Klinik und Poliklinik A des Uniklinikums Münster. "Die Verantwortung liegt nach wie vor bei ihnen. Unser Programm kann aber dabei helfen, Chancen und Risiken verantwortungsvoll abzuwägen."

Der Algorithmus basiert auf den Ergebnissen einer von Professor Thomas Büchner aus Münster geleiteten bundesweiten Studie mit mehr als 1400 AML-Patienten im Alter von über 60 Jahren, die mit einer intensiven Chemotherapie behandelt worden sind. Die Risiko-Prognose wurde anhand einer unabhängigen Patientengruppe aus einer Studie mit etwa 800 Patienten überprüft.

Bei Leukämie behindern abnorme unreife Blutzellen, die sich im Knochenmark anreichern, dort die reguläre Blutbildung. Die normalen Bestandteile des Blutes, die etwa die Sauerstoff-Versorgung des Körpers, die Blutstillung und die Abwehr von Krankheitserregern übernehmen, fehlen dadurch. Die häufigste akute Form bei Erwachsenen ist die AML, die im Alter gehäuft vorkommt.

Insgesamt erkranken in Deutschland jährlich etwa 3600 Menschen an AML. Ob Patienten mit dieser Form der Leukämie mit einer intensiven Chemotherapie behandelt werden sollten, ist mit Blick auf das Risiko gerade bei älteren Patienten eine schwierige Abwägungsfrage. Alternativen sind weniger intensive Formen der Chemotherapie, die ebenfalls den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen können, jedoch geringere Chancen auf Heilung bieten. Fachärzte verlassen sich bei ihren Empfehlungen meistens auf persönliche Erfahrungen und Präferenzen. Mit dem Online-Tool der Mediziner aus Münster lassen sich die Chancen auf Erholung der Blutbildung (Remission) und die Risiken der Therapie nun besser beziffern - damit hilft es den Ärzten bei der Entscheidungsfindung.

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