Ärzte Zeitung online, 15.08.2011

Akute Leukämie: Neuer Therapieansatz wird in Heidelberg erforscht

HEIDELBERG (eb). Der Wachstumsfaktor IGF1 fördert offenbar die Entwicklung einer bestimmten Leukämieform. Hemmstoffe gegen den Rezeptor dieses Faktors gibt es bereits. Möglicherweise können sie helfen, Patienten mit dieser Leukämieform besser als bisher zu behandeln und Rückfälle zu vermeiden.

Hoffnung auf neuen Therapieansatz für Patienten mit akuter Leukämie

Ausstrich des Knochenmarks eines Patienten mit einer akuten T-Zell-Leukämie.

© Hind Medyouf / DKFZ

Eine große Zahl spezialisierter Wachstumsfaktoren sorgt dafür, dass Zellen der verschiedenen Gewebe des Körpers sich bei Bedarf teilen und ausdifferenzieren.

Die hormonähnlichen Faktoren binden an die jeweils passenden Rezeptoren auf der Oberfläche ihrer Zielzellen und geben damit das Zeichen zur Zellteilung.

Doch eine einzige Erbgutveränderung kann bereits ausreichen, dass das System außer Kontrolle gerät: Ist etwa das Gen für einen Wachstumsfaktor oder für den dazugehörigen Rezeptor überaktiv, so wird die Zelle ständig dazu angeregt, sich zu teilen. Die Folge kann Krebs sein.

Bei vielen Krebsarten gibt es zu viele Wachstumsfaktoren

Solche fehlerhaften Wachstumssignale sind bei vielen Krebserkrankungen von Bedeutung. So bilden zum Beispiel Brustkrebszellen bei etwa 20 Prozent der erkrankten Frauen zu viele Rezeptoren für den Wachstumsfaktor Her2/neu; bei Darmkrebs stellen Ärzte oft eine Überproduktion des Wachstumsfaktors EGF fest, wie es in einer Mitteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) heißt.

Gemeinsam mit Kollegen aus Frankreich, Kanada und den USA entdeckten nun DKFZ-Wissenschaftler um Professor Andreas Trumpp, dass auch bei der akuten T-Zell-Leukämie (T-ALL) das bösartige Zellwachstum von einem Wachstumsfaktor angetrieben wird (J Exp Med online, 1. 8. 2011). In diesem Fall ist der insulinähnliche Wachstumsfaktor 1 - kurz IGF1 - entscheidend.

Die Forscher fanden heraus, dass bei der T-ALL zu viele IGF1-Rezeptoren vorhanden sind. Die Leukämiezellen werden dadurch besonders empfindlich für die Signale des IGF1.

Blockierten die Wissenschaftler den IGF1-Rezeptor mit spezifischen Hemmstoffen oder schalteten sie das Gen für den Rezeptor aus, stellten die Blutkrebszellen ihr Wachstum ein. Das funktionierte sowohl bei Krebszellen von Mäusen als auch bei humanen Leukämiezellen.

Die Blockade des IGF1-Signals stoppte aber nicht nur das Wachstum der Krebszellen. Auch die gefährlichen Krebsstammzellen verloren ihre Fähigkeit, sich selbst zu erneuern. Das wiesen die Forscher mit einem klassischen Experiment nach, der seriellen Transplantation: Sie übertrugen T-ALL-Zellen, die nur noch geringe Mengen an IGF1-Rezeptoren auf ihrer Oberfläche bildeten, auf Mäuse.

Während T-ALL-Zellen normalerweise immer eine Leukämie in den Empfängertieren auslösen, erkrankten nach Injektion der veränderten T-ALL nur noch sehr wenige Mäuse an Blutkrebs.

Das war für die Forscher der entscheidende Hinweis darauf, dass die Leukämiestammzellen fehlten oder nicht mehr aktiv waren, denn nur diese sind in der Lage, eine Leukämie auszulösen.

Neue Perspektive für die Krebstherapie

"Wir müssen die Menge an IGF1-Rezeptoren nur wenig reduzieren, um den Krebsstammzellen ihre Fähigkeit zur Selbsterneuerung zu nehmen. Offenbar sind Leukämie-Stammzellen in besonderem Maße von starken IGF1-Signalen abhängig", wird Dr. Hind Medyouf in der Mitteilung zitiert.

Akute lymphatische Leukämien sind die häufigsten bösartigen Erkrankungen bei Kindern, doch auch ältere Erwachsene können betroffen sein. Die Ergebnisse eröffnen neue Perspektiven für die Behandlung, denn Wirkstoffe, die den IGF1-Rezeptor blockieren, existieren bereits und werden bei anderen Krebsarten, zum Beispiel Brustkrebs bereits in klinischen Studien geprüft.

Stammzell-Spezialist Trumpp erinnert daran, dass gerade ältere T-All-Patienten nach einer zunächst scheinbar erfolgreichen Chemotherapie oft einen Rückfall erleiden. Eine Hemmung des IGF1-Signalweges würde vor allem auf die Leukämie-Stammzellen wirken und könnte daher eine Rückkehr der Erkrankung verhindern.

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