Ärzte Zeitung, 25.06.2007

INTERVIEW

"Frauen mit dichtem Brustdrüsengewebe bei der Mammografie brauchen zusätzlich eine Sonografie"

Das Mammografie-Screening, das in Deutschland derzeit flächendeckend eingeführt wird, wird die Qualität der Brustkrebs-Früherkennung deutlich verbessern, sagt Professor Ingrid Schreer. Die Stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Senologie sieht aber noch erheblichen Optimierungsbedarf, etwa was Frauen mit dichtem Brustdrüsengewebe betrifft. Viel mehr Frauen als bisher sollten auch mit Ultraschall untersucht werden, sagte Schreer im Gespräch mit Ingrid Kreutz von der "Ärzte Zeitung".

Zur Person

"Ohne Sonografie bei dichtem Brustgewebe gibt es beim Brustkrebs-Screening viele Intervall-Karzinome."

Professor Ingrid Schreer ist Radiologin. Die Stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Senologie leitet das Mammazentrum an der Uniklinik in Kiel.

Ärzte Zeitung: Nach aktuellen Schätzungen des RKI erkranken in Deutschland jährlich 55 000 Frauen an Brustkrebs, etwa 19 000 sterben daran. Jetzt wird besonders auf das Mammografie-Screening gesetzt, um die Sterberate zu senken. Es war ja auch ein wichtiges Thema bei der 27. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie in Lübeck...

Professor Ingrid Schreer: Ja, durch das Screening können wir sicherlich wesentlich zu einer Verbesserung der Früherkennung von Brustkrebs beitragen. Denn alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren erhalten jetzt erstmals die Option, alle zwei Jahre eine Brustuntersuchung mit guten Röntgengeräten und speziell ausgebildetem Personal inklusive Doppelbefundung in Anspruch zu nehmen.

Ärzte Zeitung: Gibt es denn schon erste Daten aus dem Programm, die die Hoffnung auf eine niedrigere Sterberate nähren?

Schreer: Wir haben bisher noch keine Zahlen darüber, wie sehr das Mammografie-Screening in Deutschland die Sterberate der Frauen verringert. Das wird noch einige Jahre dauern. Aber wir wissen bereits aus ersten Auswertungen, dass mit der Maßnahme häufig kleine Tumoren unter zwei Zentimetern Durchmesser gefunden werden und dass bei den meisten der betroffenen Frauen die Lymphknoten noch nicht von Krebszellen befallen sind. Das sind gute Zeichen. Denn Tumorgröße und der axilläre Lymphknotenbefall sind wichtige Prognosefaktoren. Aber es gibt noch erheblichen Optimierungsbedarf beim Screening.

Ärzte Zeitung: Inwiefern?

Schreer: Es genügt nicht, dass Frauen nur mammografisch und lediglich bei unklaren Befunden zusätzlich sonografisch nach strengen Qualitätskriterien, das heißt mit gut funktionierenden Geräten von gut ausgebildeten Ärzten untersucht werden. Ich würde mir wünschen, dass auch Frauen mit dichtem Drüsengewebe, etwa infolge einer Hormonsubstitution, aufgrund der dann deutlich verminderten Sensitivität der Mammografie zusätzlich eine Ultraschalluntersuchung erhalten. Mit diesem Vorgehen finden wir im Zusammenhang mit unserem Projekt "Qualitätsgesicherte Mamma-Diagnostik", kurz QuaMaDi, in Schleswig-Holstein derzeit die größte Zahl an kleinen Mamma-Karzinomen in Deutschland: Etwa 70 Prozent der erfassten Tumoren sind kleiner als zwei Zentimeter.

Ärzte Zeitung: Gibt es Studiendaten etwa aus anderen Ländern darüber, wie wichtig die Sonografie bei dichtem Drüsengewebe ist?

Schreer: Ja, die gibt es. Aus Screening-Programmen bei 50 bis 69 Jahre alten Frauen, etwa in Dänemark und Holland, wissen wir, dass im zweiten Screening-Jahr die Sensitivität der Mammografie nur 30 bis 40 Prozent betrug und damit viel schlechter war als im ersten Jahr. Der Grund dafür ist, dass es viele Intervall-Karzinome gab. Und diese sind großenteils darauf zurückzuführen, dass die Tumoren bei der ersten Mammografie nicht erkannt wurden, weil die Frauen ein zu dichtes Drüsengewebe hatten. In der Zwischenzeit waren sie dann jedoch so stark gewachsen, dass sie allein durch Abtasten der Brust diagnostiziert wurden. Das ist ein Desaster.

Ärzte Zeitung: Wie ließe es sich denn realisieren, dass in Deutschland mehr Sonografien zur Brustkrebs-Früherkennung gemacht werden?

Schreer: Es wäre wahrscheinlich schon ein Fortschritt, wenn der für das Mammografie-Screening verantwortliche Kollege dem behandelnden Gynäkologen automatisch den Befund übermitteln würde. Dieser könnte dann je nach Befund zusätzlich eine Sonografie veranlassen. Aber das geschieht derzeit leider nicht. Eine gute Alternative wäre es vermutlich auch, wenn direkt in Verbindung mit dem Screening die Befunde von Frauen mit dichtem Brustgewebe herausgefiltert würden und diese dann vor Ort zusätzlich mit Ultraschall untersucht würden. Ob das außerhalb von QuaMaDi funktioniert, muss jedoch noch künftig in Studien nachgewiesen werden.

Ärzte Zeitung: Oft wird kritisiert, dass es mit dem Brustkrebs-Screening häufig unklare Befunde gebe und die Frauen dann einige Zeit in Angst versetzt würden, bis der Befund endgültig geklärt ist. Wie oft tritt diese Situation zurzeit ein?

Schreer: Es sind nach ersten Ergebnissen des Mammografie-Screenings etwa fünf Prozent der Befunde unklar. Aber bei nur etwa einem Prozent wird mehr als ergänzende bildgebende Diagnostik, also zum Beispiel eine Stanzbiopsie zur weiteren Abklärung benötigt. Das müssen die Frauen jedoch in Kauf nehmen. Wir möchten ja schließlich auch nichts übersehen.

STICHWORT

QuaMaDi

Mit dem Modellprojekt QuaMaDi (Qualitätsgesicherte Mamma-Diagnostik) wollen Ärzte, KV und mehrere Krankenkassen in Schleswig-Holstein die Früherkennung von Brustkrebs verbessern. Frauen wird in gynäkologischen Praxen angeboten, an dem Projekt teilzunehmen. Die Kollegen müssen eine genaue Anamnese erheben und eine standardisierte Tastuntersuchung machen. Die Befunde müssen sorgfältig dokumentiert werden. Zusätzlich wird den Frauen eine Mammografie und bei hoher Drüsenkörperdichte auch eine Sonografie mit Doppelbefundung durch zwei unabhängige, erfahrene Radiologen angeboten. Sind sich zwei Kollegen bei einem Befund nicht einig, übernimmt ein Zentrum die weitere Abklärung. Der Gynäkologe bleibt Ansprechpartner für seine Patientin. (ikr)

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