Ärzte Zeitung, 17.10.2007

Powerfrau im Einsatz gegen Brustkrebs

Mit Engagement leitet die Berliner Radiologin Dr. Lisa Regitz-Jedermann das Referenzzentrum Mammografie

BERLIN. Erwartungsvolle Aufregung im Referenzzentrum Mammografie Berlin. Gleich startet die erste von Berlin aus organisierte Telefonkonferenz der Leiter der fünf Referenzzentren in der Bundesrepublik. Doch noch stehen nicht alle Leitungen. Dr. Lisa Regitz-Jedermann schaut noch einmal kurz bei ihrer Assistentin vorbei.

Von Angela Misslbeck

 Powerfrau im Einsatz gegen Brustkrebs

Regelmäßig hält Lisa Regitz-Jedermann Kontakt zu den beiden Ärztinnen, die sie in ihrer Praxis unterstützen.

Foto: ami

Als die ihr das Signal gibt, dass die Konferenz beginnen kann, eilt die hochgewachsene 53-Jährige mit großen Schritten und wehender Strickjacke in ihr Büro. Fast eine Stunde später öffnet sich die Tür. Regitz-Jedermann lässt demonstrativ die Schultern fallen und atmet hörbar tief aus. "Ich habe sooo ein Ohr", sagt die Zentrumsleiterin mit ausladender Gestik und einem Lächeln. Der kollegiale Austausch jedenfalls war fruchtbar, und so ist kurzerhand beschlossen worden, dass die Telefonkonferenz nun regelmäßig stattfindet.

Ein weiterer fester Termin im Kalender der Radiologin. Ihre Assistentinnen schütteln heimlich den Kopf. Als "Powerfrau mit Herz" bezeichnen sie ihre Chefin. "Sie bringt Leben in die Bude", heißt es im Referenzzentrum. Als locker und energisch, meist erfrischend, aber manchmal auch ungeduldig erleben ihre Mitarbeiterinnen Regitz-Jedermann. Staunend sehen sie auf das Arbeitspensum, das die engagierte Ärztin jeden Tag erledigt. Sie selbst sagt: "Das geht nur mit Engagement und Spaß."

Die Woche ist durchorganisiert. Montags stehen das Referenzzentrum oder Reisen durch die neuen Bundesländer zur Zertifizierung von Screening-Einheiten auf dem Programm. Dienstags: Abklärungsdiagnostik nach Auffälligkeiten in der Screening-Einheit. Mittwochs und freitags: Sprechstunde und Praxisverwaltung, am Freitagnachmittag wieder ins Referenzzentrum.

Für Kultur- und Sozialleben bleibt kaum noch Zeit

An einem Donnerstag wie heute ist Regitz-Jedermann vormittags im Referenzzentrum, nachmittags folgt die Konsensuskonferenz der programmverantwortlichen Ärztin mit den Befundern, und abends die Tumorkonferenz mit Pathologe und Operateurin aus kooperierenden stationären Brustzentren. Bis vor kurzem hat die Radiologin zwischendurch noch zwei Stunden Praxistätigkeit an einem Donnerstag untergebracht.

Das haben ihr die Assistentinnen im Referenzzentrum und in der Praxis und Screening-Einheit nun ausgeredet. Freie Abende sind aber auch mehr als ein Jahr nach dem Start ihrer Screening-Einheit und anderthalb Jahre nach der Einrichtung des Referenzzentrums noch eine Ausnahme. Vorträge und Veranstaltungen beschäftigen die Ärztin rund um die Uhr. "Das Sozialleben leiden", räumt sie ein.

Kinderwunsch verbaute ihr den eigentlich angestrebten Weg

Sie lebt für die Sache, sagen alle, die Regitz-Jedermann kennen. Ihre Sache ist der Kampf gegen Brustkrebs. Schon in der Klinik wählte sie Mammadiagnostik als Schwerpunkt. Gleich nach der Niederlassung 1990 richtete sie eine Brustsprechstunde ein. Das war für sie "der kommunikative Part in der Radiologie", und zugleich die Chance, sich dem Fach Gynäkologie zu nähern, das sie als Medizinstudentin angepeilt hatte.

Die gynäkologische Weiterbildungsstelle hat ihr der Chefarzt mit 24 Jahren nicht gegeben, nachdem sie beim Vorstellungsgespräch offen gesagt hat, dass sie noch Kinder will, erinnert sich Regitz-Jedermann. Die Radiologie erschien ihr anfangs "zu technisch". Noch immer gibt es wenig Radiologinnen, doch der Frauenanteil wächst. "Das Fach hat an wirtschaftlicher Attraktivität verloren. Deshalb rücken die Frauen nach", stellt die Ärztin sachlich fest.

Pionierarbeit hat Regitz-Jedermann nicht nur als Frau in einer Männerdomäne geleistet, sondern auch beim Aufbau des Mammografie-Screenings. Mit einer Handvoll engagierter Mitstreiterinnen gründete sie 1998 den Verbund "Ärztinnen gegen Brustkrebs". Die Diskussion um das Mammascreening begann in Deutschland gerade erst. Regitz-Jedermann schaute nach Norwegen, und hegte einen Traum: So wie dort könnte das Screening auch in Deutschland laufen. Jetzt arbeitet sie daran, ihren Traum wahr zu machen.

"Das Programm aufzubauen macht Spaß", sagt sie. Sie kennt alle Ebenen des Screenings. Im Referenzzentrum findet das Training der Ärzte, die Qualitätssicherung und die epidemiologische Datenauswertung statt. Dort hat Regitz-Jedermann den Überblick.

Von der Makroebene im Referenzzentrum führt eine halbe Stunde Autofahrt bei klassischer Musik in die Mikroebene der Praxis und der benachbarten Screening-Einheit. "Gelassen bleiben" ermahnt sich die Ärztin, wenn Stau und damit Verschiebungen im engen Zeitplan drohen.

In einem abgedunkelten Raum warten bereits acht Kollegen vor einer Workstation mit zwei Mammografie-Bildschirmen und zwei weiteren Rechnern. Sechs Ärzte trainieren am Referenzzentrum für ihre künftige Teilnahme am Screening und diskutieren hier nun Mammografien, die sie zu Ausbildungszwecken befundet haben. Die beiden anderen haben bei den vorliegenden Mammografien keine übereinstimmenden Befunde erstellt.

Deshalb entscheidet nun die Konsensuskonferenz, ob eine Frau wieder einbestellt wird. Rund 100 Frauen kommen pro Tag in die Berliner Screening-Einheit 01, die Regitz-Jedermann leitet. Durchschnittlich sind jeden Tag etwa zehn diskussionswürdige Befunde dabei. Die anschließende Tumorkonferenz mit dem Pathologen zeigt, dass eine Biopsie bei verdächtigem Befund fast immer gerechtfertigt war. Kaum ein Befund hat sich durch die Gewebeprobe als harmlos erwiesen.

Ihre Begeisterung reißt die anderen oft mit

An der Tumorkonferenz nimmt auch eine Brustkrankenschwester aus dem kooperierenden stationären Brustzentrum teil. Das ist Regitz-Jedermanns neueste Pioniertat. Ihre Screening-Einheit erprobt im Modellversuch, ob der Einsatz dieser psychologisch geschulten Schwestern bei den Aufklärungsgesprächen mit den Patientinnen an der Schnittstelle zwischen Screening und Brustzentrum die Versorgung verbessert.

Regitz-Jedermanns wichtigstes Ziel ist jedoch zunächst, das Screening erfolgreich zu etablieren. Dazu müssen mehr Frauen teilnehmen. Die Ärztin meint, die Öffentlichkeit müsse besser informiert werden.

Dafür hat das Referenzzentrum zwar nur einen kleinen Etat, doch mit dem Engagement aller Mitwirkenden gelingt es, einen Tag der offenen Tür in den Berliner Screening-Einheiten und im Referenzzentrum zu organisieren. Einmal mehr ist Regitz-Jedermanns Funke der Begeisterung auf alle in ihrer Umgebung übergesprungen.

Mehr zum Thema Mammografiezentren: www.aerztezeitung.de

Zur Person

Dr. Lisa Regitz-Jedermann: 53 Jahre, verheiratet, eine 24-jährige Tochter, lebt in Berlin

Beruf(e): Radiologin in einer Gemeinschaftspraxis in Berlin, programmverantwortliche Ärztin einer Mammografie-Screening-Einheit und Leiterin des Referenzzentrums Berlin des Mammografie-Screenings

Stationen: Medizinstudium in Homburg, radiologische Facharztausbildung am Städtischen Krankenhaus in Berlin-Neukölln, Promotion am Uniklinikum Benjamin Franklin, Niederlassung in Gemeinschaftspraxis, Gründungsmitglied Ärztinnen gegen Brustkrebs

Hobbies: Wandern, Gärtnern, Lesen, Musik

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