Ärzte Zeitung, 18.02.2008

Bei Genmutation: intensive Krebsvorsorge

Halbjährlicher Check der Brust verbessert Krebsfrüherkennung  /  Salpingoophorektomie ist weitere Option

MÜNCHEN (wst). Frauen mit Mutationen der Tumorsuppressorgene BRCA1 oder BRCA2 haben ein Risiko von über 80 Prozent, im Verlauf ihres Lebens an Brustkrebs zu erkranken. Und auch das Ovarialkarzinomrisiko ist deutlich erhöht. Experten empfehlen bei einer bestimmten Familienanamnese Gentests.

 Bei Genmutation: intensive Krebsvorsorge

Kollegin im Gespräch mit einer Patientin. Frauen mit Mutationen in Brustkrebsgenen benötigen intensive Beratung.

Foto: Klaro

Diese Tests können die Frauen zu intensiver Krebsfrüherkennung oder Prophylaxe motivieren. Doch bei welchen Auffälligkeiten sollte gendiagnostisch nach Mutationen gefahndet werden? Welche Optionen kann man Patientinnen mit positivem Gentest anbieten?

Antworten auf diese Fragen gibt die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) in ihren aktuellen Leitlinien. Professor Rita Schmutzler hat darüber auf einer Tagung der AGO in München berichtet. Nach nationalen und internationalen Standards ist die Suche nach BRCA1- oder BRCA2-Mutationen sinnvoll. Voraussetzung dabei ist, dass die Wahrscheinlichkeit eines positiven Befunds mindestens zehn Prozent beträgt, sagte die Leiterin des Zentrums für familiären Brust- und Eierstockkrebs am Universitätsklinikum Köln.

Daten von inzwischen mehr als 4400 Referenzfamilien

Eine solche Wahrscheinlichkeit ist dann gegeben, wenn zumindest eine von sieben Vorgaben in der Familienanamnese erfüllt ist:

  • Mindestens zwei blutsverwandte Frauen mit Brustkrebs, wobei eine davon bereits vor dem 51. Lebensjahr erkrankt ist.
  • Mindestens eine Blutsverwandte, die an Brustkrebs, und eine weitere Blutsverwandte, die an einem Ovarialkarzinom erkrankt ist.
  • Mindestens eine Blutsverwandte, die Brustkrebs und Eierstockkrebs hat.
  • Mindestens zwei Blutsverwandte mit Ovarialkarzinom.
  • Mindestens eine Blutsverwandte, die vor dem 51. Lebensjahr an bilateralem Brustkrebs erkrankt ist.
  • Mindestens eine Blutsverwandte, die vor dem 36. Lebensjahr Brustkrebs bekommen hat.
  • Ein blutsverwandter Mann mit Brustkrebs und mindestens eine weitere blutsverwandte Familienangehörige mit Brust- oder Ovarial-Ca.

Diese Kriterien orientieren sich an den im November 2007 aktualisierten Auswertungen von inzwischen über 4400 Referenzfamilien aus zwölf Zentren für erblichen Brustkrebs. Jenen Frauen, bei denen der Test auf Mutationen in Risikogenen positiv ausgefallen ist, sollte eine intensive Brustkrebsvorsorge angeboten werden. In den AGO-Leitlinien werden den Frauen ab dem 25. Lebensjahr in halbjährlichen Abständen klinische und sonografische Brustuntersuchungen empfohlen.

Ab dem 30. Lebensjahr sollte zusätzlich in jährlichem Abstand eine Mammografie und MRI-Untersuchung der Brust erfolgen. Es ist erwiesen, dass durch solche Kontrollen die Früherkennungsraten von Mammakarzinomen bei diesen Patientinnen steigen. Dass damit auch die Sterberate gesenkt werde, sei plausibel, aber noch nicht hinreichend belegt, räumte Schmutzler ein.

Chirurgische Prävention in Leitlinien aufgewertet

Chirurgische Präventionsmaßnahmen für Frauen mit BRCA1- oder BRCA2-Mutation seien in den aktualisierten AGO-Leitlinien aufgewertet, betonte Schmutzler. Dabei wird die beidseitige prophylaktische Salpingoophorektomie (BPSO) ab dem 40. Lebensjahr und nach abgeschlossener Familienplanung stärker empfohlen als die psychologisch belastendere vorsorgliche Mastektomie. Studiendaten zufolge reduziert die BPSO bei Frauen mit BRCA1- oder BRCA2-Mutation deutlich die Inzidenz von Ovarial- und Mamma-Ca. Außerdem ist die Maßnahme mit einem Rückgang der Gesamtmortalität bis zu 70 Prozent assoziiert.

Dieses Ergebnis müsse noch mit größeren Fallzahlen überprüft werden. Entscheiden sich Frauen nach einer gründlichen Aufklärung für eine prophylaktische Operation, sollte diese wegen der noch mangelhaften Datenlage innerhalb einer klinischen Studie vorgenommen werden.

STICHWORT

BRCA-Genmutation

Etwa eine von 500 Frauen in Mitteleuropa hat eine BRCA1-Genmutation, und eine von 700 Frauen hat eine BRCA2-Mutation. Diese Mutationen werden laut Internet-Veröffentlichungen des Brustzentrums der Universitätsklinik Wien autosomal dominant vererbt. Sie sind mit einem hohen Risiko für Brust- und Eierstockkrebs - oft schon in jungen Jahren - behaftet. Frauen mit BRCA1-Mutation und positiver Familienanamnese haben ein Risiko von 85 Prozent, bis zum 70. Lebensjahr an Brustkrebs zu erkranken. Rund 50 Prozent entwickeln bis dahin ein Ovarial-Karzinom. Bei Frauen mit BRCA2-Mutation ist das Brustkrebsrisiko ähnlich hoch wie bei Frauen mit BRCA1-Mutation.

Das Risiko eines Ovarialkarzinoms ist mit 27 Prozent bis zum 70. Lebensjahr geringer. Insgesamt geht man davon aus, dass etwa fünf Prozent aller Mammakarzinome durch BRCA1- und 2-Mutationen bedingt sind. (wst)

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