Ärzte Zeitung, 14.01.2009

In Großbritannien heiß diskutiert: eine Ausweitung der Präimplantationsdiagnostik

In Großbritannien wird über Präimplantations-diagnostik diskutiert. Britische Ärzte fordern ein vereinfachtes Zulassungsverfahren.

Von Arndt Striegler

In Großbritannien heiß diskutiert: eine Ausweitung der Präimplantationsdiagnostik

Die Genanalyse zeigt: Welche Gene sind vorhanden und welche nicht?

Foto: Danielle Bonardelle©www.fotolia.de

In Großbritannien wird nach der Geburt eines genetisch ausgewählten Babys, das kürzlich in einem Londoner Krankenhaus ohne ein Brustkrebs-Risikogen auf die Welt gekommen ist, abermals kontrovers über das Thema Präimplantationsdiagnostik (PID) diskutiert. Während zahlreiche namhafte Forscher im Königreich die jüngsten Entwicklungen ausdrücklich begrüßten, warnen Kritiker vor "gefährlichen Präzedenzfällen" sowie davor, "Designerbabys auf Wunsch zu züchten".

Das erste genetisch ausgewählte Baby ohne das Risikogen BRCA1, welches häufig zur Entstehung von Mammakarzinom führen kann, war vergangene Woche im Londoner University College Hospital geboren worden (wir berichteten). Die Eltern hatten sich für eine künstliche Befruchtung und die anschließende Auswahl eines Embryos mithilfe der PID entschieden, nachdem in der Familie des Vaters in den vorherigen drei Generationen Brustkrebs aufgetreten war. Die Londoner Ärzte hatten elf Embryonen im Reagenzglas erzeugt, sechs davon trugen das BRCA1-Gen. Zwei Embryonen ohne das Gen wurden der 27-jährigen Patientin, die anonym bleiben möchte, implantiert. Die Klinik hat seit 2004 eine PID-Lizenz.

Nach Angaben des Londoner Gesundheitsministeriums werden pro Jahr in Großbritannien etwa 44 000 neue Brustkrebsdiagnosen gestellt, zwischen fünf und zehn Prozent davon haben "vermutlich eine genetische Komponente". Während eine Embryonenauswahl, wie sie jetzt von den Ärzten des Londoner University College Hospital vorgenommen wurde, in Deutschland illegal ist, geht man im Königreich seit Längerem pragmatischer mit dem Thema Embryoselektion und PID um.

Keine Selektion ohne behördliche Erlaubnis

Zuletzt hatte der britische Gesetzgeber 2006 die Bestimmungen gelockert. Seitdem darf PID auch bei Risikogenen genutzt werden, die nicht zwangsläufig zu einer Krankheit führen. Dazu zählt unter anderen das Brustkrebsgen BRCA1. In jedem Fall ist vor einem solchen Eingriff aber die Zustimmung der zuständigen Aufsichtsbehörde (Human Fertilisation and Embryology AUTHORity, HFEA) notwendig. Ohne eine solche Zustimmung dürfen die Ärzte nicht aktiv werden. Außerdem darf der Eingriff nur in ausgewählten Kliniken vorgenommen werden.

Britische Ärzte verlangen jetzt, das Zulassungsverfahren zu vereinfachen, da bereits heute absehbar sei, dass zukünftig viele Paare das PID-Verfahren nutzen würden, um das Krankheitsrisiko ihrer Kinder zu senken. "Es ist absehbar, dass das derzeitige Einzelfall-Zulassungsverfahren schon bald nicht mehr ausreichen wird, um alle Anträge zu bearbeiten", so eine Sprecherin des britischen Ärztebundes (British Medical Association, BMA) in London. "Wir sollten da jetzt realistisch und pragmatisch vorgehen." Die BMA verlangt ebenso wie zahlreiche Wissenschaftler und Ärzte eine öffentliche Ethikdiskussion, an deren Ende eine Neufassung der derzeitigen PID-Bestimmungen stehen müsse.

"Es muss in jedem Fall darum gehen, schwere und oftmals tödlich verlaufende Krankheiten wie Brustkrebs zu verhindern", so Dr. Paul Serhal vom University College Hospital. "Wir Ärzte wollen verhindern, dass ein Patient später an einer tödlichen Krankheit erkrankt, und es geht nicht darum, triviale Anormalitäten auszumerzen. Die Embryonenselektion aus rein kosmetischen oder ästhetischen Beweggründen wird es in Großbritannien niemals geben!"

Kritiker sind sich da nicht länger sicher. "Wir haben uns hier auf ein riskantes Spiel eingelassen. Heute selektieren wir nur Embryos, die kein bestimmtes Gen haben, das zu Brustkrebs führen kann. Morgen werden vielleicht auch Embryonen auf der Grundlage ihrer Haarfarbe oder ihrer Körpergröße aussortiert", warnte James Dowson von der Organisation LifeLeague. Auch zahlreiche Unterhausabgeordnete schalteten sich in die öffentliche Diskussion ein. Die konservative Abgeordnete Ann Widdecombe warnte in einem Zeitungsinterview vor der Gefahr, "Ärzte wollen Gott spielen". Ein Vorwurf, der von britischen Ärzteverbänden scharf zurückgewiesen wurde.

Bestimmungen sollen liberalisiert werden

Experten in Großbritannien rechnen damit, dass die HFEA über kurz oder lang auf eine weitere Liberalisierung der PID-Bestimmungen drängen wird. Zuletzt hatten die HFEA-Experten, die unabhängig von der Londoner Regierung agieren, 2006 in einem Report dafür plädiert, die Bestimmungen neu zu fassen. Laut HFEA verfügen gegenwärtig zehn Kliniken in Großbritannien über eine HFEA-Lizenz, um PID durchzuführen. Das Verfahren werde etwa 200-mal jährlich angewandt. Die HFEA wies darauf hin, dass die Zustimmung der Behörde "niemals leichtfertig erteilt" werde. Außer von den HFEA-Experten werde jeder Antrag im Rahmen eines sogenannten Peer Review auch noch von Experten, die nicht für die Aufsichtsbehörde arbeiten, geprüft.

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