Ärzte Zeitung, 23.11.2012

Mammografie

Ein Drittel Überdiagnosen?

HOUSTON. In einer US-Analyse zu 30 Jahren Mammografie-Screening geht der Daumen nach unten: Zwar werden damit jährlich mehr als doppelt so viele frühe Karzinome pro 100.000 Frauen entdeckt (234 statt 112), nicht aber mehr fortgeschrittene.

Auch ist die Mortalitätsrate durch Brustkrebs mit Screening kaum verringert. Erklärung der Autoren aus Houston: Fast ein Drittel der ermittelten Tumoren macht nie Symptome (NEJM 2012; 367: 1998). (eb)

[24.11.2012, 13:44:02]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Lieber "overdiagnosed" als "undertreated"!
Dogmatische Theoriebildung bei falschen Hypothesen in diesem NEJM-Artikel: Bereits die Hintergrundannahme, von einem Screenning zwingend eine direkte Mortalitätsreduktion zu erwarten ("Background: To reduce mortality, screening must detect life-threatening disease at an earlier, more curable stage"), ist falsch, weil die morbiditätsbezogene Mortalität durch optimierte T h e r a p i e s t a n d a r d s und die den Mammakarzinomzellen immanente Aggressivität, Invasivität und Metastasierungsrate definiert wird.

Wenn die NEJM-Autoren schreiben, das Mammografie-Screening habe die Rate der Frühdiagnosen erhöht ("from 112 to 234 cases per 100,000 women"), die Rate an Brustkrebs in fortgeschrittenen Stadien jedoch n i c h t entscheidend gesenkt ("women present with late-stage cancer ... an absolute decrease of 8 cases per 100,000 women"), dann erklären sie (unbemerkt) selbst eine der wesentlichen Ursachen der ausbleibenden Mortalitätsreduktion: Unter allen Mammakarzinomen werden viele detektiert, die u n a b h ä n g i g von Früh- oder Spätstadium klinisch relevante, extrem aggressive, mortalitätsbestimmende Verläufe aufweisen.

Verbesserte Frühdiagnose, positives klinisches Outcome und individuell höhere Überlebenswahrscheinlichkeit bei Brustkrebs kann es nicht zum Nulltarif geben: Deshalb sind abwägende Entscheidungen mit möglicherweise stigmatisierender Überdiagnostik und zugleich effizienterer Behandlung des Mammakarzinoms wichtiger.

Folgt man allerdings entschiedenen Kritikern jeglichen Mammografie-Screenings wie Peter Gøtzsche vom Nordic Cochrane Center in Kopenhagen, der den Anteil der Überdiagnosen in einer systematischen Übersicht auf 52 Prozent schätzt (BMJ 2009; 339: b2587), wäre das Mammographie-Screening weitgehend nutzlos. Dann besteht jedoch eine realistische Gefahr, dass mit weiterer Kritik an dem m. E. sinnvollen Mammografie-Screening die Teilnahmebereitschaft der Frauen verständlicherweise sinkt, die Spätstadien eher zunehmen, die Brustkrebs-Mortalität dank mehrdimensionaler und verbesserter Therapieoptionen nicht weiter ansteigt und damit die Kritiker um Peter Gøtzsche eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ('self-fulfilling prophecy') auslösen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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