Ärzte Zeitung online, 08.05.2009

Ungereimtheiten zu Folsäure und Krebs

BONN. Männer, die regelmäßig Folsäure einnehmen, haben offenbar ein erhöhtes Risiko für Prostatakrebs (wie berichtet). In einer aktuellen Studie bekamen fast zehn Prozent derjenigen Männer, die über zehn Jahre lang täglich Folsäure eingenommen hatten, ein Prostata-Ca. In der Placebo-Gruppe waren es hingegen nur drei Prozent. Ein Ernährungswissenschaftler kommentiert die Aussagen.

Von Professor Klaus Pietrzik

Es handelt sich bei der Studie um eine Follow-up-Untersuchung der Aspirin/Folate Polyp Prevention Study (AFPP) (JAMA, 2007; 297(21): 2351-2359). Primäres Ziel der AFPP-Studie war es zu prüfen ob durch Aspirin bzw. Folsäuregabe das Risiko für Darmpolypen gesenkt werden konnte. Diese Studie wurde bereits 2007 publiziert mit dem Ergebnis, dass Folsäuregabe tendenziell eine erhöhte Rate von Darmpolypen zur Folge hatte, es wurde ferner von einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs berichtet.

In der jetzt vorliegenden Publikation wurde im Rahmen einer Sekundärauswertung die Wirkung von Folsäure (1 mg/Tag) im Vergleich zu Placebo speziell im Hinblick auf Prostatakrebs ausgewertet. Danach erkrankten in der mit Folsäure behandelten Gruppe 25 von 327 Versuchspersonen (9,7 Prozent) an einem Prostatakarzinom, in der Placebo-Gruppe nur 9 von 316 Personen (3,3 Prozent) betroffen waren.

Dieses Ergebnis steht in deutlichem Widerspruch zu allen bisher ausgewiesenen Beobachtungen, wonach ein langfristig guter Folatstatus das Krebsrisiko senkt. Paradoxerweise wird dies auch von den Autoren der aktuell publizierten Studie beschrieben. Danach haben diejenigen Versuchspersonen, die bereits zu Studienbeginn gut mit Folat versorgt waren und die keine zusätzliche Folsäure erhielten, ein deutlich niedrigeres Risiko an Prostatakrebs zu erkranken als jene mit einem schlechten Folatstatus zu Versuchsbeginn.

Die Autoren heben hervor, dass bevorzugt dann das Krebsrisiko steigt, wenn Folsäure in synthetischer Form supplementiert wird. Sie versuchen, mögliche Unterschiede zwischen natürlichen Nahrungsfolaten (bevorzugt 5-Methyltetrahydrofolat) und synthetischer Folsäure (Pteroylmonoglutamat) dafür verantwortlich zu machen, indem sie die unterschiedliche Bioverfügbarkeit und Metabolisierung der verschiedenen Folatformen diskutieren.

Es ist nicht auszuschließen, dass eine mehrjährige Folsäureaufnahme im Bereich des Tolerable Upper Intake Levels (UL = 1mg, entspricht der hier verabreichten täglichen Dosis) zur Folge hat, dass kontinuierlich auch nicht metabolisierte Folsäure im Körper zirkuliert, die möglicherweise Stoffwechselwege beeinflusst, die zu Krebs führen könnten. Das Ergebnis der Studie hält weiter die Option offen, dass niedrigere Dosierungen z.B. im Bereich der Empfehlungen (200 µg Folsäure/Tag) dementsprechend positive Effekte hätten zeigen können.

Schließlich bleibt es auch für die Autoren der Studie unerklärlich warum ein guter Folatstatus bei Personen ohne zusätzliche Folsäuresupplementierung mit geringerem Erkrankungsrisiko verbunden ist. Deshalb diskutieren sie auch die möglichen Einschränkungen ihrer Studie indem sie darauf hinweisen, dass es sich um eine Nachauswertung handelt, die mit dem primären Studienziel nichts zu tun hat.

Dementsprechend wird als Kritikpunkt gesehen, dass kein Screening durch rektale Untersuchung für bereits bei Versuchsbeginn vorhandene Prostatavergrößerungen vorgenommen wurde. Falls bereits bei Versuchsbeginn eine unterschiedliche Verteilung in Bezug auf Prostatatumore vorgelegen hätte, wäre das Ergebnis entsprechend zu relativieren.

Ferner weisen die Autoren darauf hin, dass die prozentuale Berechnung des Risikoanstiegs aufgrund der geringen Zahl von Prostatakarzinomen in den Gruppen vermutlich ungenau ist.

Prof. Dr. Klaus Pietrzik, Institut für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften, Abteilung Pathophysiologie der Ernährung Universität Bonn

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