Ärzte Zeitung online, 04.08.2011

Urintest soll Diagnostik bei Prostatakrebs vereinfachen

ANN ARBOR (eb). Ein neuer Urin-Test auf Prostatakrebs könnte etlichen Männern mit erhöhtem PSA-Werten unnötige Biopsien ersparen. Mit dem Urin-Test wird gezielt nach zwei Genen gesucht, die miteinander verschmolzen sind.

Neuer Urintest kann Diagnostik bei Prostatakrebs vereinfachen

Ein Becher Urin: Wird damit künftig die Diagnostik eines Prostata-Ca einfacher?

© Christina Richards / shutterstock.com

Die pathologische Fusion der Gene TMPRSS2 und ERG können Pathologen bereits in Gewebeproben der Prostata nachweisen, also in Biopsaten oder Op-Präparaten.

Findet man diese Gen-Anomalie, heißt das nahezu immer, dass der Betroffene Prostatakrebs hat. Und diese Gen-Anomalie ist jetzt mit dem neuen Test auch im Urin nachweisbar.

Die Hoffnung ist, dass man mithilfe des neuen Urin-Tests etlichen Männern mit erhöhtem PSA Biopsien ganz ersparen oder zumindest hinauszögern kann, wenn sich der Test in größeren Studien bewährt (Sci Transl Med 2011; 3(94): 94ra72).

Studie mit 1312 Männern mit erhöhtem PSA

In der aktuellen Studie hatte das Team um den Pathologen Dr. Scott Tomlins von der Universität Michigan Urinproben von mehr als 1300 Männern mit erhöhten PSA-Werten untersucht. Die Ärzte suchten dabei nicht nur nach der Genfusion TMPRSS2:ERG, sondern auch nach dem PCA3-Gen.

Dieses PCA3-Gen wird ausschließlich in der Prostata exprimiert. Bei Prostatakrebs exprimieren die Zellen das Gen 60- bis 100-fach stärker als gesunde Prostatazellen. Die zum Gen passende Boten-RNA ist im Urin nachweisbar.

Dann wurden je nach Urinbefund in drei Gruppen eingeteilt: solche mit geringem, mittlerem oder hohem Punktwert (Score). Die Scores wurden als Indikator für das Prostatakrebsrisiko gewertet.

Urintest und Histologie wurden verglichen

Da bei den Studienteilnehmern ohnehin entweder Prostata-Biopsien oder eine Prostataentfernung vorgesehen war, konnten die Pathologen die Befunde und Scores des Urintests mit denen der Gewebeuntersuchungen vergleichen.

Ergebnisse: In der Gruppe mit dem höchsten Urintest-Score hatten 69 Prozent der Männer ein histologisch nachgewiesenes Karzinom. In der Gruppe mit mittlerem Score waren es 43 Prozent, in der Gruppe mit niedrigem Score 21 Prozent.

Urintest korreliert mit Aggressivität des Tumors

Darüber hinaus stellten die Forscher fest: Die Befunde des Urintests korrelierten auch mit der Aggressivität des Tumors, die histologisch nach Tumorausdehnung und dem Gleason-Score bestimmt wurde. Der Gleason-Score ist ein Maß dafür, wie entartet Tumorzellen aussehen.

In der Gruppe mit dem höchsten Urintest-Score waren 40 Prozent der festgestellten Tumoren aggressiv (in der Gruppe mit niedrigem Score waren es entsprechend nur sieben Prozent).

Forscher sehen großes Potenzial

Welchen Stellenwert hat der neue Test? Der Test kann sicher keine histologische Diagnostik bei Verdacht auf Prostatkarzinom ersetzen. Zudem steht er noch nicht zur Verfügung, sondern muss sich erst in weiteren Studien bewähren.

Für Tomlins hat der Test aber ein großes Potenzial: als wichtiger und einfacher diagnostischer Zwischenschritt für Männer mit erhöhtem PSA-Wert. Denn der Test verbessere die Möglichkeit, vorherzusagen, ob ein Betroffener ein Prostatakarzinom habe.

Und er biete eine Entscheidungshilfe, ob bei erhöhtem PSA-Wert eine Biopsie unbedingt sofort nötig ist, oder ob, unter Beobachtung des PSA-Verlaufs, zunächst abgewartet werden kann.

Die Bestimmung von PSA-Werten zum Screening auf Prostatakrebs oder zur Früherkennung ist nicht unumstritten. Auch, weil die Werte nicht nur bei Krebs, sondern auch bei Entzündungen (Prostata, Harnwege) oder durch Druck (Radfahren, Reiten) erhöht sein können.

[08.08.2011, 11:57:46]
Dr. Norbert Ostendorf 
Radfahren?!
Ach, wenn sich das echte Wissen so nachhaltig verbreiten würde wie der Schwachsinn...

Radfahren erhöht den PSA-Wert definitiv nicht! Dies ist mehrfach publiziert worden. Als Radfahrer und Laborarzt mit Urologie-Erfahrung finde ich dieses Medizin-Märchen immer wieder ärgerlich. Hier fehlt allerdings der Hinweis auf Sex - der erhöht den PSA-Wert auch nicht, und auf die Digital-Rektale Untersuchung - die erhöht den PSA-Wert viel weniger, als gemeinhin vermutet. Reiten ist wenigstens mal eine neue Variante.

Diese Mär ist einfach zu schön, um falsch zu sein. Der klitzekleine Schönheitsfehler, dass es bis heute dutzende PSA-Tests gibt, die nicht standardisiert sind, und dass manche PSA-"Erhöhung" nur auf einen Wechsel der Labormethode zurückgeht, fehlt hier leider ebenfalls.

Int J Sports Med. 2005 Jan-Feb;26(1):79-81
Total and free PSA serum concentrations are not influenced by extensive physical exercise and bicycle riding
Lippi G, Corgnati A, Salvagno G, Schena F, Franchini M, Guidi G. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »