Ärzte Zeitung online, 13.03.2014

Prostatakrebs

Schadet zusätzliches Selen?

Männer mit einer guten Selenversorgung erhöhen offenbar durch viel zusätzliches Selen ihr Risiko, an einem hochgradigen Prostatakarzinom zu erkranken. Auch wer niedrige Selenspiegel hat, erhöht sein Krebsrisiko, und zwar durch Vitamin-E-Supplementation.

Von Peter Leiner

SEATTLE. Weder Selensupplementation allein noch Selen plus Vitamin E haben insgesamt betrachtet einen Einfluss auf das Risiko, an einem Prostatakarzinom zu erkranken. Das hat die SELECT-Studie (Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial) mit mehr als 35.500 Männern ergeben.

Die Vitamin-E-Supplementation allein dagegen war überraschend mit einem leichten Anstieg des Prostata-Ca-Risikos um 17 Prozent assoziiert.

In der Studie erhielten die Männer 200 μg Selen pro Tag und/oder 400 IU Vitamin E. Weil die Supplementation keinen Nutzen zeigte, war die Studie drei Jahre vor dem geplanten Ende abgebrochen worden.

Hängt Krebsrisiko vom Selenstatus ab?

Dr. Alan R. Kristal vom Cancer Prevention Program am Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle und seine Kollegen untersuchten nun das Krebsrisiko in Abhängigkeit vom Selenstatus. Dieser wurde beurteilt anhand der Selenmenge in den Zehennägeln als Marker für eine langfristige Selenaufnahme (JNCI 2014; online 22. Februar).

Für die Studie wurden insgesamt 1739 Männer der SELECT-Studie, die ein Prostatakarzinom entwickelt hatten - davon 489 Männer mit einem Hochrisiko-Karzinom (Gleason 7-10) -, sowie 3117 zufällig gewählte Studienteilnehmer als Kontrollgruppe berücksichtigt.

Im Mittel lag die Selenkonzentration bei 0,89 μg/g (zwischen 0,48 und 8,97 μg/g). Durch Supplementation von mindestens 150 μg Selen (die höchste Quintile) stieg dessen Konzentration in den Zehennägeln im Mittel auf 1,09 μg/g.

Zwischen der Menge an Selen in den Zehennägeln und dem Prostata-Ca-Risiko konnten die Wissenschaftler insgesamt betrachtet keinen Zusammenhang feststellen.

Männer mit hohen Selenspiegeln in den Nägeln (über der 60. Perzentile) allerdings, die zusätzliche große Mengen des Spurenelementes aufnahmen, hatten ein höheres Risiko für hochgradige Prostatakarzinome als Teilnehmer mit niedrigen Spiegeln (unter der 40. Perzentile), und zwar um 91 Prozent.

Bei Männern mit einem niedrigen Selenspiegel war schließlich die Vitamin-E-Supplementation allein - ebenfalls überraschend, weil beide Antioxidativa sind - mit einem um 111 Prozent (p = 0,008) höheren Risiko für hochgradige und um 46 Prozent (p = 0,09) höheren Risiko für niedriggradige Prostatakarzinome assoziiert, die Kombination mit Selen dagegen nicht.

Vorsicht bei Supplementation empfohlen

Für die US-Wissenschaftler ist es unwahrscheinlich, dass es erneut eine Präventionsstudie mit hochdosiertem Selen oder Vitamin E geben wird.

Deshalb empfehlen sie bereits auf der Basis ihrer Studienergebnisse, Männern über 55 - das war die Altersgruppe in der SELECT-Studie - sicherheitshalber von einer Supplementation mit Selen oder Vitamin E, die die empfohlene Tagesdosis überschreitet, abzuraten.

In Deutschland liegt die Empfehlung der Gesellschaft für Ernährung für Selen in dieser Altersgruppe bei 30-70 μg/Tag und für Vitamin E (Tocopherol) bei 13 mg-Äquivalent/Tag.

Niederländische Epidemiologen um Dr. Milan S. Geybels von der Universität von Maastricht vermuten, dass zusätzlich verabreichtes Selen nur jenen Männern nutzt, die relativ wenig von dem Spurenelement in den Körperzellen haben (JNCI 2014; online 22. Februar).

In einer aktuellen Studie mit mehr als 58.000 Teilnehmern hatten sie herausgefunden, dass niedrige Selenspiegel, ebenfalls gemessen an der Menge in Zehennägeln, mit einem erhöhten Prostatakrebsrisiko assoziiert sind, und zwar unabhängig von genetischen Varianten im Bauplan für das Selenoprotein P und die Glutathionperoxidase.

Die beiden Faktoren sorgen für den Selentransport bzw. fungieren als Gegenspieler des oxidativen Stresses.

Im vergangenen Jahr hatten die Wissenschaftler mithilfe derselben Studienpopulation festgestellt, dass das Prostatakrebsrisiko bei Männern mit den höchsten Selenkonzentrationen um 60 Prozent niedriger war als bei Männern mit den niedrigsten Mengen.

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