Ärzte Zeitung, 06.11.2015

Neue Studie

Tee schützt vor Krebs, Kaffee nur bedingt

Bislang gibt es äußerst widersprüchliche Angaben darüber, ob Kaffee und Tee das Krebsrisiko fördern oder vielleicht sogar verringern. Forscher haben jetzt einmal mehr versucht, Licht ins Dunkel zu bringen.

SALT LAKE CITY. Bislang gibt es keine Beweise dafür, dass Kaffee und Tee das Krebsrisiko fördern. Dazu sind die vorliegenden Daten zu widersprüchlich und für manche Krebsarten wurde sogar ein Schutzeffekt festgestellt.

Forscher um Mia Hashibe von der University of Utah in Salt Lake City/USA haben nun erneut den Versuch unternommen, mehr Licht ins Dunkel zu bringen, indem sie Zusammenhänge zwischen dem Kaffee- und Teekonsum und Prostata-, Lungen-, Kolorektal- und Ovarialkrebs in einer prospektiven Studie (PLCO) untersucht haben (Br J Cancer 2015; 113: 809-816).

Von insgesamt 97.334 Probanden zwischen 55 und 74 Jahren, die in die Analyse eingeschlossen wurden, entwickelten 10.399 zwischen 1998 und 2011 eine Krebserkrankung (145 Kopf/Hals, 99 Ösophagus, 136 Magen, 1137 Lunge, 1703 Brust, 257 Endometrium, 162 Ovarien, 3037 Prostata, 318 Niere, 398 Blase, 106 Schilddrüse sowie 103 Gliome).

Es zeigte sich, dass Personen mit niedrigerem Bildungsniveau einen höheren Kaffeekonsum hatten, ebenso Raucher sowie Menschen mit hohem Alkoholkonsum.

Keine Dosisabhängigkeit

Wurden alle Krebsarten in der Summe betrachtet, ergab sich kein Zusammenhang zwischen dem Kaffeekonsum und dem Krebsrisiko (relatives Risiko, RR 1,00). Generelle Vorteile hinsichtlich der Entstehung von Krebserkrankungen hatten jedoch die Teetrinker: Bei Probanden, die eine Tasse Tee oder mehr pro Tag tranken ergab sich gegenüber jenen, die weniger Tee konsumierten, eine um 5 Prozent niedrigere Tumorrate (RR 0,95).

Speziell für das Endometriumkarzinom zeigte auch der Kaffee eine gewisse Schutzfunktion. Im Vergleich zu Frauen, die weniger als eine Tasse Kaffee pro Tag getrunken hatten, hatten Frauen ab einer Tasse täglich ein geringeres Risiko, an einem Endometriumkarzinom zu erkranken (1-1,9 Tassen/Tag: RR 0,66; ≥ 2 Tassen/Tag: RR 0,69).

Eine Dosisabhängigkeit von Koffein ließ sich insgesamt aber nicht erkennen. Auch hatten die Vielkaffeetrinker (vier Tassen oder mehr) keine Nachteile gegenüber denen, die weniger tranken.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse dieser Studie eine Übereinstimmung mit den meisten früheren Untersuchungen. Ein Zusammenhang mit einer gewissen Schutzwirkung für Kaffee war aber lediglich für das Endometriumkarzinom erkennbar.

Beim Tee konnten trotz des positiven Effekts auf das Gesamtrisiko keine spezifischen Zuordnungen getroffen werden. Nach Ansicht der Autoren sollten nun Studien folgen, in denen die jeweilige Konsumdauer berücksichtigt wird. (st)

[09.11.2015, 08:53:38]
Cordula Molz 
Tee?
nicht mal die profane, aber nicht unwichtige Frage, um welchen Tee es sich denn handelt, ist beantwortet.
Hochverehrter Herr Dr. Schätzler, ich freue mich immer wieder, wie rückstandslos sie solche Schwachsinns-Studien zerpflücken. Das zu lesen, ist ein Genuss! Besser sls jeder Kaffee oder Tee! zum Beitrag »
[06.11.2015, 16:39:23]
Dr. Horst Grünwoldt 
Tee trinken - Kaffee genießen
Unser Dr. Schätztler hat uns wieder mal über ein irrationales US-"paper" aufgeklärt. Ihm gebührt stets unser aller Dank zur Ehrenrettung der deutschen Ärzteschaft in Sachen profunder "Studienkonsum und -kritik"!
Zwei alltägliche Warmgetränke, die so gut wie überall auf der Welt mehr oder weniger großen Zuspruch finden, in die medizinische Kategorie anti-kanzerogen zu stellen, ist schon absurd.
Meine schlichte "Verbraucher"-(Konsumenten)- Empfehlung lautet: Genieße den Duft und das Aroma beim morgendlichen Pott Frühstücks-Kaffee, den belebenden Espresso nach einer üppigen Mahlzeit, und den Tee als erfrischenden Durstlöscher! Und dazu niemals die braune Limonade aus Amerika!
Wer über Krebsrisiko des Kaffee- und Teetrinkens lamentiert, oder sogar studiert, sollte dabei auch an die unvergleichlichen Äpfel und Birnen denken.
Außer den gemeinsamen Wirkstoff Coffein und Teein in niedrigen Dosen, haben beide aber den gravierenden Unterschied: Kaffee ist in genußfähiger Form ein Röstprodukt, und das Teeblatt braucht -im Gegensatz zur Bohne- diesen rauchigen Schwelvorgang nicht, sondern wird lediglich auf natürliche Art fementiert!
In welche Richtung sollte demnach die intestinale Krebsforschung gehen?
Na, Kaffee- oder Teetrinker?
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock
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[06.11.2015, 12:47:33]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Alle Tassen im Schrank?
Bei dieser Studie von M. Hashibe et al. im BJC mit dem Titel "Coffee, tea, caffeine intake, and the risk of cancer in the PLCO cohort" im British Journal of Cancer 113, 809-816 (01 September 2015)|
doi:10.1038/bjc.2015.276 fragt man sich unwillkürlich, ob die AutorInnen noch alle Kaffee- und Teetassen im Schrank hatten?

Denn mögliche Ergebnisverzerrungen ("bias") werden gar nicht erst diskutiert, sondern gleich bei den Ergebnissen relativierend präsentiert: "Results: Mean coffee intake was higher in lower education groups, among current smokers, among heavier and longer duration smokers, and among heavier alcohol drinkers." Der Kaffee-Konsum war höher bei niedrigem Bildungsniveau, bei Rauchern, bei stärkeren und länger andauernden Rauchgewohnheiten und bei sehr ausgeprägtem Alkoholkonsum.

Die am nächsten liegende Schlussfolgerung, dass es dann an allem Anderen, nur k e i n e s w e g s am Kaffee-Konsum gelegen haben könnte, war dem wissenschaftlichen Autorenteam nicht zugänglich. Wie abwegig ihre Kaffee-/Tee-Hypothesen sind, erkennt man daran, dass Kaffee-Konsum mit dem kombinierten Gesamt-Krebsrisiko n i c h t assoziiert war ["Coffee intake was not associated with the risk of all cancers combined (RR=1.00, 95% confidence interval (CI)=0.96–1.05)"].

Beim Tee-Konsum blamieren sich die AutorInnen bis auf die Knochen: Wie soll denn, bitteschön, ein Tumor-protektiver Tee-Effekt nachzuweisen sein, wenn gerade mal eine relative Risikominderung auf 95 Prozent erreicht wird. Diese 5%-Differenz zwischen einer Tasse Tee und mehr pro Tag versus w e n i g e r als eine Tasse Tee (was ist das eigentlich?) ist doch niemals signifikant! ["whereas tea drinking was associated with a decreased risk of cancer overall (RR=0.95, 95% CI=0.94–0.96 for 1+ cups per day vs <1 cup per day)"].

Der Knüller zum Schluss: Zwei oder mehr Tassen Kaffee pro Tag schützen angeblich vor Endometriumcarcinom ["For endometrial cancer, a decreased risk was observed for coffee intake (RR=0.69, 95% CI=0.52–0.91 for greater than or equal to 2 cups per day)"]. Dieser maligne Tumor der Gebärmutterschleimhaut trat aber bei den 97.334 Teilnehmer/-innen der PLCO-Kohorte ["Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian cancer screening trial"] nur in 0,26 Prozent der Frauen bzw. 0,0 Prozent der Männer auf.

Das allgemeine Krebsrisiko bei dieser PLCO-Beobachtungsstudie, die übrigens nur zur Evaluation von Vorsorgemaßnahmen in Bezug auf Morbidität und Mortalität angetreten war, betrug 10,68 Prozent. Verborgen blieb den AutorInnen offensichtlich, dass es in ihrer PLCO-Kohorte auch Menschen geben könnte, die Kaffee u n d Tee in relevanten Mengen verkonsumieren, aber damit ebenfalls keinen Einfluss auf ihre Krebs-Inzidenz nehmen würden.

Meine persönliche Quintessenz? Diese Studie, und sie ist nicht die einzige dieses Forscherteams [vgl. "Tobacco, alcohol, body mass index, physical activity, and the risk of head and neck cancer in the prostate, lung, colorectal, and ovarian (PLCO) cohort" von Hashibe M. et al. Head Neck 2013 Jul;35(7):914-22 PubMed ID: 22711227], ist für mich vergleichbar mit einer Mischung aus Kaffeesatzlesen und Teebeutelweitwurf!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (diese Polemik musste einfach sein)

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