Ärzte Zeitung, 30.09.2016

Die Dosis macht das Gift

Saufen und Abstinenz fördert wohl Prostatakrebs

Ein Glas Wein tut der Gesundheit wohl gut. Andererseits: Viel- und Garnichttrinker bekommen eher Prostatatumore. Wie kommt dieser Widerspruch zustande? Und was ist jetzt besser?

Von Thomas Müller

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Ist Alkohol jetzt gut oder schlecht für die Gesundheit? Eine Studie liefert widersprüchliche Ergebnisse.

© eyewave / fotolia.com

BOSTON. Vielleicht wird es nun wirklich Zeit, erlesene Weine per Kassenrezept zu beziehen. Jede Woche einen Grand Cru aus dem Burgund oder ein Großes Gewächs aus Franken sollte bei den Beiträgen, welche die meisten Versicherten zu entrichten haben, schon drin sein, wenn dadurch die Prävention verbessert wird und langfristig die Kosten im Gesundheitssystem zurückgehen.

Denn glaubt man epidemiologischen Studien, verhindert moderater Alkoholkonsum nicht nur den Killer Nr. 1 – Herzkreislauferkrankungen –, sondern seit neuestem auch Prostatakrebs. Da dürfte das alkoholbedingte Risiko für Mundhöhlen-, Speiseröhren- oder Leberkrebs nicht mehr groß ins Gewicht fallen.

U-Kurve wie bei Herzerkrankungen

Eigentlich gilt die Prostata als relativ inert gegenüber den Chancen und Risiken des Alkoholkonsums. Bisherige Studien hatten zumeist keinen Zusammenhang zwischen Alkohol und Tumorrate ergeben oder die Resultate waren widersprüchlich. Allenfalls bei sehr hohen Alkoholmengen scheint die Gefahr für Prostatatumoren zu steigen.

Daten einer großen finnischen 30-Jahresstudie weisen nun jedoch auf eine ähnliche U-Kurve, wie sie auch für Herzkreislauferkrankungen immer wieder gefunden wird: So ist das Prostatakrebsrisiko am geringsten bei Personen mit geringem Alkoholkonsum und erhöht sich sowohl bei Abstinenzlern als auch bei starken Trinkern.

Für ihre Analyse konnten Forscher um Dr. Barbra A. Dickerman von der Harvard School of Public Health in Boston auf Angaben von über 11.000 Teilnehmern der Older Finnish Twin Cohort zugreifen (Cancer Causes Control 2016 27: 1049). Die Zwillinge waren alle vor 1958 geboren und nahmen jeweils in den Jahren 1975 und 1981 an einer Befragung zu Lebensstilfaktoren teil. Dabei wurde auch ihr Alkoholkonsum eruiert. Sie waren bei der zweiten Befragung im Mittel 40 Jahre alt.

Nur sieben Prozent hatten in beiden Befragungen angegeben, gar keinen Alkohol zu trinken, 31 Prozent tranken wenig (bis zu drei Drinks mit jeweils 12 Gramm Alkohol pro Woche), fast die Hälfte zählte sich zu den moderaten Alkoholkonsumenten (bis zu 14 Drinks die Woche) und knapp 17 Prozent gaben einen intensiven Alkoholgenuss zu (mehr als 14 Drinks die Woche).

Immerhin 42 Prozent der finnischen Männer mussten als Quartalssäufer eingestuft werden – sie kippten sich mindestens einmal im Monat auf einmal mehr als fünf Flaschen Bier (0,33 l), eine Flasche Wein (0,75 l) oder vier Gläser Wodka (mindestens 18 cl) hinter die Binde.

Je höher der Konsum, desto höher die Prostatakarzinom-Rate

Rund 30 Jahre nach der zweiten Befragung waren 601 Männer neu an einem Prostatakarzinom erkrankt und 110 daran gestorben. Je höher der zugegebene Alkoholkonsum bei den Befragungen gewesen war, umso höher war auch die Rate an Prostata-Ca in den folgenden Jahren.

Danach lässt sich für jeden Drink (12 g Alkohol) am Tag ein um rund zehn Prozent erhöhtes Prostatakrebsrisiko berechnen. Wer täglich zwei Bier konsumiert (40 g Alkohol), verdreifacht damit in etwa sein Erkrankungsrisiko – eine kausale Beziehung vorausgesetzt.

Allerdings ist der Vergleichspunkt für solche Berechnungen nicht der Alkoholverzicht, sondern ein geringer Konsum von bis zu drei Drinks pro Woche. In dieser Gruppe stellten die Forscher um Dickerman die geringste Tumorrate fest.

Bei den kompletten Abstinenzlern lag die Erkrankungsrate um 27 Prozent höher, bei denen mit moderatem Konsum war sie um 20 Prozent gesteigert, bei hohem Konsum um 46 Prozent.

Auf-Einmal-Trinken größte Gefahr

Quartalssäufer glänzten mit einer 28 Prozent höheren Erkrankungsrate als Männer, die ihren Alkohol über die Woche oder den Monat gleichmäßig verteilten. Signifikant waren die Unterschiede jedoch nur bei den Männern mit intensivem Alkoholgenuss und denen, die gelegentlich über die Stränge schlugen. Berücksichtigt sind bei diesen Angaben jeweils Alter, BMI, sozioökonomischer Status und körperliche Aktivität.

Ein etwas anderes Bild fanden die Wissenschaftler bei der prostatakarzinomspezifischen Sterberate: Sie war bei den Abstinenzlern doppelt so hoch wie bei den Männern mit geringem Alkoholkonsum. Bei moderaten und starken Trinkern war die Rate hingegen nur um jeweils 22 und 32 Prozent erhöht. Als statistisch signifikant erwies sich hier nur die erhöhte Mortalität bei den Abstinenzlern.

Wurden bei den Abstinenzlern solche Männer ausgeschlossen, die früher einmal Alkohol getrunken hatten, dann war der Unterschied noch deutlicher: Bei den Männern, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Alkohol angerührt hatten, fanden die Forscher eine rund 120 Prozent erhöhte Sterberate für ein Prostatakarzinom.

Abstinenzler auch nicht optimal

Analysierten die Epidemiologen um Dickerman die einzelnen Zwillingspaare, sah es für die Abstinenzler ebenfalls nicht gut aus. Sie fanden 354 Paare, bei denen der eine Bruder an einem Prostata-Ca erkrankt war und der andere nicht. Davon hatten 195 einen unterschiedlichen Alkoholkonsum angegeben.

Im Vergleich zu den Brüdern mit geringen Alkoholkonsum erkrankten diejenigen ohne Alkohol dreifach häufiger an einem Prostata-Ca, dagegen gab es bei den moderaten und starken Alkoholkonsumenten keine signifikanten Unterschiede, wenngleich auch hier das Risiko mit der Dosis zu steigen schien.

Aussagen zur Mortalität ließen sich bei Zwillingspaaren mit unterschiedlichem Alkoholkonsum kaum machen – dafür waren zu wenige an einem Prostata-Ca gestorben. Tendenziell ergab sich aber in allen Gruppen im Vergleich zu den Wenigtrinkern eine erhöhte Tumorsterberate.

Forscher suchen nach Erklärungen

Die Forscher um Dickerman erklären sich die Widersprüche zwischen Mortalität und Inzidenz wie folgt: Alkoholabbauprodukte wie Acetaldehyd wirken karzinogen und können somit die Prostatakrebsrate erhöhen. Allerdings ändert sich unter Alkohol auch das Hormonprofil – Testosteronspiegel sinken.

Das wiederum führt möglicherweise zu weniger aggressiven Tumoren und zu besseren Überlebenschancen bei den Alkoholkonsumenten mit Prostatatumoren. Bei starken Alkoholkonsumenten besteht zudem die Gefahr, dass sie an den Folgen des Alkoholkonsums sterben, bevor sie einen tödlichen Prostatatumor entwickeln.

Was heißt das nun für das Gläschen Wein am Abend? Wer sich täglich einen Schoppen gönnt, würde in dieser Studie zu den moderaten Trinkern gehören. Er hätte damit im Vergleich zu Abstinenzlern kein erhöhtes Prostata-Ca-Risiko, liefe aber deutlich weniger Gefahr, an einem solchen Tumor zu sterben. Die Kassen sollte es sich mit Wein auf Rezept also durchaus überlegen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Verheimlichen oder Zugeben?: Das Elend mit Drogenstudien

[30.09.2016, 10:03:29]
Wolfgang P. Bayerl 
nur nicht übertreiben mit der positiven Alkohol-Wirkung,
die noch niemand wirklich nachgewiesen hat.
Der kulturell emotional/sozialisierende Effekt sei unbestritten.
Es gibt allerdings auch ganze Völker, bei denen das ganz ohne geht. zum Beitrag »

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