Ärzte Zeitung online, 23.10.2009

Neuer künstlicher Antikörper zur Diagnose von bösartigen Hirntumoren

HEIDELBERG (eb). Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum und der Universität Heidelberg haben einen diagnostischen Antikörper entwickelt, mit dem zwei bösartige Hirntumor-Arten noch besser als bisher identifiziert werden kann. Das wichtig, um eine gezielte Therapie einleiten zu können.

Ärzte unterscheiden über 100 verschiedene Arten von Hirntumoren. Die exakte Diagnose ist oft schwierig, da zur Diagnose oft nur winzige Mengen Tumormaterial zu Verfügung stehen. Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum und der Universität Heidelberg entwickelten jetzt einen diagnostischen Antikörper. Der Antikörper bindet hochspezifisch an eine charakteristische Veränderung eines Enzyms. Diese Enzymveränderung ist typisch für zwei bösartige Hirntumoren. Damit soll künftig eine einfachere und genauere Diagnose sowie auch eine bessere Verlaufsprognose möglich sein.

Beim Erwachsenen sind Hirntumoren selten, aber dann oft besonders bösartig. Man unterscheidet verschiedene Arten von Hirntumoren anhand ihres Ursprungsgewebes. Unter dem Überbegriff Gliome werden bösartige Neubildungen zusammengefasst, die von der Neuroglia, dem Stütz- und Nährgewebe des Gehirns, ausgehen. Zu den Gliomen, die etwa 20 Prozent aller Hirntumoren ausmachen, zählen unter anderem Astrozytome und die Oligodendrogliome.

Besteht der Verdacht auf einen Hirntumor, startet die Diagnostik in der Regel mit einem bildgebenden Verfahren, etwa mit einer MRT-Aufnahme. Das Ergebnis muss anschließend von einem Neuropathologen an einer Gewebeprobe des Tumors bestätigt werden. Um gezielte Behandlungen einzuleiten, ist die präzise Diagnose der Tumorart wichtig.

Hier stoßen die Neuropathologen manchmal an ihre Grenzen: "Oft erhalten wir Gewebe aus den Randzonen des Tumors, dort finden wir in der Regel nicht das typische Bild wie aus dem Lehrbuch", erklärt Professor Andreas von Deimling, Leiter der Klinischen Kooperationseinheit Neuropathologie, die im Deutschen Krebsforschungszentrum und im Institut für Pathologie der Universität Heidelberg angesiedelt ist. Erschwert wird die Arbeit der Pathologen außerdem dadurch, dass nur winzige Proben zur Verfügung stehen und das Gewebe bei der Entnahme oft deformiert ist.

Das Enzym IDH1 ist der Schlüssel

Von Deimling und seine Mitarbeiter suchten daher nach einem Instrument, um die Erst- und Differenzialdiagnosen von Hirntumoren zu vereinfachen und abzusichern. Fast 70 Prozent aller Astrozytome und Oligodendrogliome tragen eine Veränderung im Gen für das Enzym IDH1 (Isocitrat Dehydrogenase). Von allen IDH1-Mutationen betreffen 90 Prozent exakt den gleichen Aminosäurebaustein an Position 132 des Enzyms.

Gemeinsam mit dem Antikörper-Spezialisten Professor Hanswalter Zentgraf und seinen Mitarbeitern aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum gelang es den Neurowissenschaftlern, einen monoklonalen Antikörper zu entwickeln, der sich nur dann an das Enzym IDH1 anheften kann, wenn die Mutation an Position 132 vorliegt. An das unveränderte Enzym bindet der Antikörper nicht (Acta Neuropathologica online vorab).

Der Antikörper erfüllt eine weitere zentrale Anforderung für einen Einsatz in der klinischen Routine: Er reagiert auch an Gewebeschnitten, die in Paraffin eingebettet sind. Damit sind Ärzte nun in der Lage, bei positiver Antikörperreaktion auch an schwierigem Probenmaterial mit Sicherheit ein Astrozytom oder Oligodendrogliom zu diagnostizieren. Darüber hinaus können sie in der Gewebezone rund um die Tumoren einzelne Krebszellen feststellen.

Von Deimling geht davon aus, dass der Antikörper, der zum Patent angemeldet ist, weltweit in die Hirntumor-Diagnostik Einzug halten wird. Außerdem haben Forscher gemeinsam mit Professor Wolfgang Wick, dem Leiter der Klinischen Kooperationseinheit Neuroonkologie des Deutschen Krebsforschungszentrums, kürzlich festgestellt, dass Mutationen des Enzyms IDH1 bei Astrozytomen und Oligodendrogliomen mit einem günstigen Verlauf der Erkrankung einhergehen.

Weitere Studien sollen nun ergeben, ob dies zu entsprechend angepassten Therapien führen kann. Von Deimling ist sich vor allem sicher, dass der Antikörper bei seiner weiteren Forschung eine Schlüsselrolle spielen wird: "Nun wollen wir herausfinden, ob und wie die IDH1-Mutationen an der Entstehung von Krebs im Gehirn beteiligt sind", erklärt der Neuropathologe.

Abstract der Studie "Monoclonal antibody specific for IDH1 R132H mutation"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »