Ärzte Zeitung online, 10.03.2010

Der Blick in das Gehirn bei vollem Bewusstsein ist nur bedingt hilfreich

TÜBINGEN (eb). Forscher erhoffen sich bei Hirn-Operationen am wachen Patienten auch Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns. Wissenschaftler der Uni Tübingen weisen jedoch darauf hin, dass die bisher gesammelten Beobachtungen zum Verständnis der kognitiven Prozesse des Gehirns nur bedingt hilfreich sind.

Viele Regionen im Gehirn tragen wichtige Funktionen wie die Sprache oder das Gedächtnis. Muss ein Tumor in der Nähe solcher Regionen entfernt werden, werden Operationen oft am wachen Patienten mit umfangreichen Tests der kognitiven Hirnfunktionen während des Eingriffs durchgeführt. Im Verlauf einer solchen Op ohne Vollnarkose unterhalten sich die Ärzte mit dem Patienten oder zeigen Gegenstände, die es zu erkennen gilt. So können die Operateure sofort erkennen, ob sie während der Entfernung des Tumors wichtige Strukturen stören.

Der Tübinger Neurologe Professor Hans-Otto Karnath weist zusammen mit Kollegen nun darauf hin, dass die bei diesen Operationen gesammelten Beobachtungen für das Verständnis der kognitiven Prozesse selbst nur bedingt hilfreich sind. Es lässt sich zwar feststellen, wo im Gehirn sich Regionen befinden, die an solchen Prozessen beteiligt sind. Die Funktion selbst, das heißt, das Verständnis, wie wir unsere Sprache benutzen, um miteinander zu kommunizieren oder wie verschiedenste Wahrnehmungen, Gefühle oder Gedanken unser Verhalten beeinflussen, lassen sich auf diese Weise leider bislang nicht genau feststellen.

Ganz umsonst sind die Beobachtungen aber auch nicht: "Wenn die Erfahrungen aus den Wach-Operationen mit Ergebnissen aus der Anwendung anderer Methoden wie etwa der funktionellen Bildgebung oder auch der Untersuchung von neurologischen Patienten mit Schlaganfällen kombiniert werden, ergibt sich daraus oft ein Gesamtbild, das auch den Wissenschaftlern neue Einblicke in die Funktionsweise unseres Gehirns erlaubt", so Karnath.

Zum Abstract der Originalpublikation "Comment on 'Movement Intention After Parietal Cortex Stimulation in Humans‘"

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