Ärzte Zeitung online, 31.10.2011

Hirntumor-Patient erhält Viren gegen Krebs

HEIDELBERG (eb). Erstmals in Europa erhalten Patienten, die an einem Hirntumor erkrankt sind, in einer Studie eine Virustherapie. Vor kurzem wurde der erste Patient in Heidelberg mit Parvoviren behandelt.

Erster Hirntumor-Patient in Europa erhält eine Virustherapie gegen Krebs

Eine Darstellung eines Parvovirus: Die Viren gehören zu den kleinsten unter den bekannten Viren.

© Sebastian Schreiter / Springer Verlag GmbH

Seit 1992 erforscht Professor Jean Rommelaere im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) die krebstötenden Eigenschaften von Parvoviren.

Die Viren gehören mit ihren nur 20 Millionstel Millimetern Durchmesser - wie der Name schon andeutet - zu den kleinsten unter den bekannten Viren.

Parvoviren vermehren sich ausschließlich in sich teilenden Zellen und rufen bei Menschen keine ernsthaften Symptome hervor.

Die Viren bauen außerdem ihr Erbgut nicht in das Genom der infizierten Zellen ein, so dass kein Risiko besteht, zum Beispiel wachstumsfördernde Gene zu aktivieren.

Gewöhnlich infizieren die Parvoviren Nagetiere

Für seine Forschung wählte Rommelaere Parvoviren des Stamms H1, die normalerweise Nagetiere befallen, aber auch menschliche Zellen infizieren.

Der Wissenschaftler und sein Team erforschten zunächst die zellbiologischen Grundlagen des krebsabtötenden Effekts.

Anschließend zeigten sie gemeinsam mit Privatdozent Karsten Geletneky von der Heidelberger Neurochirurgischen Universitätsklinik, dass sich fortgeschrittene Glioblastome bei Versuchstieren nach einer Behandlung mit Parvoviren vollständig zurückbildeten und die Tiere signifikant länger überlebten als unbehandelte Artgenossen.

DKFZ: Therapie kann funktionieren

"Damit haben wir demonstriert, dass eine Krebsbehandlung mit Parvoviren funktionieren kann", wird Rommelaere in einer Mitteilung des DKFZ zitiert.

"An dieser Stelle wollten wir unbedingt weitermachen, weil wir die große Chance sahen, mit unserer Virustherapie auch Menschen helfen zu können, die an einem Glioblastom erkrankt sind, einem extrem bösartigen Hirntumor. Um das Projekt aber bis zur klinischen Anwendung weiterentwickeln zu können, waren wir dringend auf einen Partner angewiesen", so der Wissenschaftler.

Die erforderlichen präklinischen Studien sind zu aufwändig - selbst für eine große Forschungsinstitution wie das DKFZ.

Kooperationsvertrag

In dieser Phase stieg das Unternehmen Oryx in das Projekt ein, wie das Heidelberger Institut mitteilt.

Im Januar 2008 unterzeichnete das Münchner Unternehmen einen Kooperationsvertrag mit dem DKFZ und dem Universitätsklinikum Heidelberg, das auch an der Entwicklung der Virustherapie beteiligt ist.

Das Unternehmen sei darauf spezialisiert, Forschungsprojekte in der Krebsmedizin durch die präklinische und frühe klinische Entwicklung zu führen und an die pharmazeutische Industrie zu veräußern, so das DKFZ.

Die Zulassung der Therapie erfolgte im Sommer 2011

Oryx koordinierte zusammen mit industriellen Partnern die großtechnische Herstellung und die anschließende pharmakologische und toxikologische Prüfung der therapeutischen Viren sowie das Zulassungsverfahren mit dem Paul-Ehrlich-Institut in Langen.

Die Zulassung erfolgte schließlich im Sommer 2011 - es ist das erste Mal, dass in Europa Patienten, die an einem Hirntumor erkrankt sind, mit Viren behandelt werden dürfen.

Eine Krebstherapie mit Viren sei für alle Beteiligten keine alltägliche Angelegenheit, dementsprechend hoch seien die Hürden, die gemeinsam zu überwinden waren, um die Zulassung zu erhalten, so Dr. Bernard Huber, Oryx-Geschäftsführer.

Unter der Leitung von Geletneky und Professor Andreas Unterberg wurde in der Heidelberger Neurochirurgischen Universitätsklinik vor kurzem der erste Patient vor der chirurgischen Entfernung des Tumors mit Parvoviren behandelt. Rommelaere und Huber sind vom Potenzial des Therapieverfahrens überzeugt.

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