Forschung und Praxis, 28.10.2004

Doppel-Ballon-Enteroskopie bringt neue Einblicke in den Dünndarm

Neues Verfahren wird sowohl diagnostisch als auch therapeutisch genutzt

Der Dünndarm war bis vor kurzem diagnostisch schwer zu erreichen. Dies hat sich mit der Entwicklung von neuen Verfahren wie der Kapselendoskopie und der Push-and-Pull-Enteroskopie (PPE) mittels Doppel-Ballon-Technik geändert. Denn mit den neuen Verfahren können der ganze Dünndarm eingesehen und mit der PPE sogar bei Bedarf sofort therapeutische Maßnahmen ergriffen werden.

Christina Ott

So funktioniert die
Doppel-Ballon-Endoskopie
Das Doppel-Ballon-Endoskop mit Übertubus und Endoskop wird in den Dünndarm geschoben.
Der Ballon des Übertubus’ wird aufgeblasen, und der Tubus wird so fixiert. Das Endoskop wird vorgeschoben, dabei wird der Dünndarmabschnitt inspiziert.
Nun wird der Ballon des Endoskops aufgeblasen und das Endoskop so fixiert. Der Übertubus wird deblockiert.
Jetzt wird der Übertubus bis zum Ende des Endoskops vorgeschoben...
... und ebenfalls blockiert.
Übertubus und Endoskop werden zusammen zurückgezogen. Dabei wird der inspizierte Dünndarm-abschnitt wie eine Zieharmonika auf dem Tubus zusammengeschoben.
Jetzt wird das Endoskop wieder deblockiert, vorgeschoben und so
der nächste Dünndarmabschnitt untersucht.
Quelle: Privatdozentin Dr. Andrea May
Grafik: ÄRZTE ZEITUNG

Über lange Zeit waren bildgebende Verfahren zum Beispiel mit Doppelkontrast (Methode nach Sellink) der einzige Weg, um sich Einblick in den Dünndarm zu verschaffen. In den 80er Jahren wurde die Push-Enteroskopie eingeführt, bei der allerdings im Schnitt nur 70 cm Dünndarm einsehbar sind.

Erst seit drei Jahren ist es mit Hilfe der Kapselendoskopie möglich - bei guten Bedingungen - den gesamten Dünndarm zu inspizieren. Sie ist vor allem in der Diagnostik bei obskuren mittleren gastrointestinalen Blutungen als State of the Art anzusehen, sagte Dr. Dirk Hartmann von der Medizinischen Klinik C des Klinikums Ludwigshafen.

In Zukunft könnte die Kapselendoskopie aber auch zur Überwachung von Patienten mit Polyposis eingesetzt werden. Zudem bringe sie bei einzelnen Patienten mit Morbus Crohn wertvolle zusätzliche Informationen, so Hartmann bei einem Endoskopieseminar während der DGVS-Tagung in Leipzig.

Bei der Kapselendoskopie könne es bei etwa zwei Prozent der Patienten zu Komplikationen kommen, zum Beispiel, wenn die Kapsel an einer Stenose steckenbleibt. Bei den meisten dieser Patienten muß die Kapsel dann operativ entfernt werden. Um dies zu vermeiden, wurde eine sogenannte Patency Kapsel entwickelt, die eventuell vorhandene Strikturen darstellt und sich nach 72 Stunden von selbst auflöst. Die Kapsel wird zur Probe vor der eigentlichen Kapselendoskopie eingesetzt und kann von einem externen Gerät geortet werden.

Nachteile der Kapselendoskopie sind die nicht vorhandenen Biopsie- und Therapiemöglichkeiten. Dieses Problem könnte vielleicht in Zukunft durch die kombinierte Anwendung der Kapselendoskopie mit der PPE gelöst werden, so Hartmann.

Indikationen sind chronische oder akut rezidivierende Blutungen

Das System der PPE setzt sich zusammen aus einem hochauflösenden Video-Endoskop mit einem Außendurchmesser von 8,5 mm und einem Übertubus mit einem Außendurchmesser von 12 mm. Die Arbeitslänge des Enteroskops beträgt 200 cm. Sowohl an der Spitze des Endoskops als auch an der Spitze des Übertubus befindet sich ein Ballon. "Mit Hilfe der Ballons wird der Dünndarm schrittweise auf den Tubus aufgefädelt", erklärte Privatdozentin Dr. Andrea May von den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden. Die Untersuchung könne sowohl oral als auch rektal erfolgen, und dauere im Schnitt etwa 70 Minuten.

Mit der PPE sind verschiedene diagnostische Verfahren möglich:

  • Biopsie,
  • Punktion,
  • Chromoendoskopie,
  • Dünndarm-Doppelkontrast (damit läßt sich der Dünndarm abschnittsweise selektiv darstellen) und
  • Tuschemarkierung (der tiefste erreichte Punkt der Untersuchung läßt sich so markieren sowie das Operationsfeld für den Chirurgen).

Außerdem kann die PPE auch therapeutisch genutzt werden. So können zum Beispiel - durch Injektion oder Argon-Plasma-Koagulation (APC) - Blutungen gestillt werden sowie Polypen abgetragen und Dilatationen vorgenommen werden.

Die PPE in der Doppel-Ballon-Technik sei einfach zu handhaben und auch sicher, so May. Die Gastroenterologin hat inzwischen mehr als 100 Patienten mit dem neuen Verfahren untersucht, und dabei sei es zu keinen Komplikationen gekommen. Hauptindikationen seien akut rezidivierende oder chronische gastrointestinale Blutungen, vor allem bei Angiodysplasie, Morbus Crohn des Dünndarms, Polyposis, therapierefraktäre Sprue sowie Extraktionen von Fremdkörpern, berichtete May.

"Wir haben eine hohe diagnostische Ausbeute von knapp 80 Prozent", berichtete May. Neue Diagnosen konnten bei knapp 40 Prozent der Patienten gestellt werden. Dazu zählen zum Beispiel ein bisher nicht erkannter Morbus Crohn, der ausschließlich den Dünndarm befällt, maligne Erkrankungen wie ein klassisches Adenokarzinom des Dünndarms und bei etwa 20 Prozent maligne Erkrankungen wie Lymphome. Hauptdiagnosen seien, so May, Angiodysplasien, die aber häufig bereits durch die Kapsel vordiagnostiziert seien. Eine endoskopische Therapie - hauptsächlich eine APC - wurde bei 37 Prozent vorgenommen.

Infos, wer in Deutschland die Doppel-Ballon-Enteroskopie anbietet, gibt es bei Fujinon, dem Hersteller der Enteroskope: www.fujinon.de, Frau Tina Heyer, E-Mail: heyer@fujinon.de

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