Ärzte Zeitung online, 17.08.2009

Per Kaiserschnitt zum gestörten Immunsystem

MÜNCHEN (wst). Die Tendenz zu steigenden Zahlen medizinisch nicht notwendiger Wunschkaiserschnitte beobachtet so mancher in puncto Darmimmunologie versierte Experte mit Sorge.

Per Kaiserschnitt zum gestörten Immunsystem

Foto: Torsten Lorenz©www.fotolia.de

Denn die Vaginalpassage ist entscheidend für einen optimalen raschen Aufbau der immunrelevanten Darmflora des Neugeborenen. Der Gastrointestinaltrakt ist ein dicht besiedeltes Biotop, in dem sich bei gesunden Menschen schätzungsweise 1500 bis 3000 verschiedene Bakterienarten und nachrangig auch andere Mikroorganismen wie Hefepilze tummeln, hat Professor Stephan Bischoff vom Institut für Ernährungsmedizin der Universität Hohenheim auf einer vom Unternehmen Orthomol ausgerichteten Fortbildungsveranstaltung in München berichtet. Während in Magen und Zwölffingerdarm nur 10 bis 1000 Lebendkeime pro Milliliter gefunden werden, sind es in Ileum und Jejunum bereits 104 bis 108 und im Dickdarm 109 bis 1012 Keime je Milliliter.

Die physiologische Darmflora ist keineswegs eine Ansammlung egoistischer Parasiten, sondern sie erfüllt wichtige Aufgaben für unseren Organismus: Sie erhält das darmspezifische Milieu, sie stellt enzymatische Kapazitäten bereit und trägt damit etwa zur Verdauung oder Neutralisation von Toxinen bei. Pathogenen Keimen und auch komplexeren Darmparasiten wird die Ansiedelung beziehungsweise Vermehrung kompetitiv erschwert. Schließlich bietet die physiologische Darmflora einen kontinuierlichen konstruktiven Stimulus, der das schleimhautassoziierte Immunsystem und damit indirekt das gesamte Immunsystem konstruktiv prägt und in Bereitschaft hält.

Bis zur Geburt sind allerdings sämtliche Schleimhäute und damit auch die des Gastrointestinaltraktes völlig keimfrei. Die Erstbesiedelung des Darms Neugeborener findet natürlicherweise mit während der Geburtskanalpassage aufgenommenen Keime der mütterlichen Vaginalflora statt. Kaiserschnittkinder werden dieser seit Beginn der Säugetierreihe evolutionär bewährten Strategie entzogen und die ersten Keime, mit denen ihr noch unreifes Darmimmunsystem konfrontiert wird, kommen möglicherweise aggressiv und schon multiresistent aus der Krankenhausluft, so Bischoff. Inwieweit mit einer solchen frühen Fehlbesiedelung nicht nur akute Magen-Darm-Störungen, sondern auch langfristige Fehlprägungen und Irritationen des Immunsystems mit potenziellen Konsequenzen wie Neigung zu Allergien oder Autoimmunerkrankungen begünstigt werden, ist Gegenstand aktueller Forschungen. Gegenwärtig setzt man auf Versuche, das Darmimmunsystem nach Kaiserschnitt mit Hilfe standardisierter probiotischer Präparate zu rüsten.

Stichwort Pro-, Prä- und Synbiotika

Als Probiotika werden zur oralen Aufnahme geeignete Präparate oder Zubereitungen bezeichnet, die in großer Zahl lebensfähige Keime eines oder mehrere verschiedener Bakterienstämme enthalten, welchen eine positive Funktion im Intestinaltrakt zugeschrieben wird. Präbiotika sind überwiegend pflanzliche lösliche und nichtlösliche Ballaststoffe, deren Konsum gezielt das Wachstum oder die Aktivität von geundheitsförderlichen Keimen der Darmflora fördern soll. Synbiotika sind Gemische aus Prä- und Probiotika. Positive klinische Effekte von Pro-, Prä und Synbiotika wurden in kontrollierten klinischen Studien bereits belegt bei infektiösen Diarrhöen, Reizdarm, Colitis ulcerosa oder auch zur Reduktion von Atemwegsinfekten. Der Einsatz speziell bei Kindern nach Kaiserschnitt ist in der Erprobung.

[17.08.2009, 21:48:43]
Ursula Fahrbach  urfa@online.de
Kaiserschnitt - gestörtes Immunsystem - muss das wirklich sein
Warum werden den Kaiserschnitt Geborenen nicht einfach die mütterliche Vaginalflorakeime zugeführt:

Finger der Hebamme in die Scheide einführen, anschließend dem Säugling diesen keimbenetzten Finger über die Lippe streifen.

Ich bin mir sicher, dass jede Mutter, die ihr Kind nicht auf natülichem Weg zur Welt bringen kann, so ihrem Kind diesen fehlenden Schutz zukommen lassen würde.

Und das ganz ohne "Studien"

U.Fahrbach
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