Ärzte Zeitung online, 31.07.2009

Gendefekt führt zu chronisch entzündlichen Darmkrankheiten

Bakterien (rot) bleiben Im Inneren einer geschädigten Fresszelle (mit blauem Zellkern) intakt. Die Aufnahme stammt aus der Leber einer Maus mit einem Gendefekt im "alten" Immunsystem.

Foto: Departement für Klinische Forschung, Universität Bern

BERN (eb). Gendefekte in der Erkennung von Bakterien können zu überschießenden Immunreaktionen führen. Diese wiederum könnten eine Reihe von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn verursachen. Das hat ein internationales Team unter der Leitung von Forschern aus Bern herausgefunden.

Unser Immunsystem besteht aus zwei Teilen: Ein stammesgeschichtlich "alter" Teil enthält Zellen, die unmittelbar alles auffressen und abtöten, was entzündlich sein könnte. Der "moderne" Teil produziert Antikörper sowie spezielle Immunzellen (T-Zellen), die schädliche Bakterien hochpräzise beseitigen. Diese treten jedoch wesentlich langsamer in Aktion als die "alten" Fresszellen. Bisher konzentrierte sich die Forschung hauptsächlich darauf, wie die "modernen" Immunzellen die Darmbakterien kontrollieren.

Anders die Forschergruppe von der Universität und der Universitätsklinik Bern: Sie untersuchten die Rolle der "alten" Immunzellen und entdeckten dabei ein ausgeklügeltes Zusammenspiel mit den "modernen" Immunzellen in der Bakterien-Abtötung. Außerdem wiesen sie nach, dass ein Gendefekt dieses Zusammenspiel und somit das gesamte Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringt (Science 325(5940), 617).

Da ständig Bakterien durch die dünne Darmschleimhaut dringen, müssen sie an dieser Stelle schnell eliminiert werden. Wenn aber die "alten" Immunzellen nicht richtig funktionieren, gelangen zu viele Bakterien vom Darm in den Blutkreislauf, worauf die "modernen" Immunzellen stärker reagieren, um diesen Schaden zu kompensieren.

Überbordende Reaktion des "modernen" Immunsystems mit verstärkter Produktion von Antikörpern (grün). Nahrungspartikel im Darm sind rot gefärbt. Die Aufnahme stammt aus dem Darm einer Maus mit einem Gendefekt im "alten" Immunsystem.

Foto: Departement für Klinische Forschung, Universität Bern

Diese Kompensation kann beinahe perfekt sein, und der betroffene Organismus bleibt trotz einer geschwächten Bakterien-Abtötung gesund. Die verstärkte "moderne" Immunantwort kann den Darm aber auch ernsthaft schädigen - wie dies vermutlich bei Morbus Crohn der Fall ist: Bei dieser Krankheit verursacht eine überbordende Immunreaktion gegen gutartige Darmbakterien schwere chronische Darmentzündungen.

Wie dasselbe Forscherteam bereits früher nachwies, tragen viele Patienten mit Morbus Crohn eine Mutation in einem bestimmten Gen, welches für die Entstehung der "alten" Immunzellen von zentraler Bedeutung ist. Nun zeigten sie bei Mäusen auf, wie beim selben Gendefekt die "moderne" Immunreaktion aus dem Ruder läuft.

Zum Abstract der Originalarbeit "Innate and Adaptive Immunity Cooperate Flexibly to Maintain Host-Microbiota Mutualism"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »